''Feuerherz'' : Kinder der Angst

Schon vor der Premiere ist die Bestsellerverfilmung "Feuerherz" umstritten. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen der deutsch-eritreischen Sängerin Senait Mehari - juristische und politische Rangeleien begleiteten die Filmproduktion.

Julian Hanich
"Feuerherz"
Hauptdarstellerin Letekidan Micael in einer Szene in "Feuerherz". -Foto: dpa

Der Film wurde erst vor wenigen Tagen fertig. Kaum einer hat ihn gesehen. Und doch erregt der Wettbewerbsbeitrag „Feuerherz“ hinter den Kulissen seit geraumer Zeit die Gemüter: Der Weltpremiere heute Abend gingen juristische Rangeleien und Drohungen von politischer Seite voraus, in denen Persönlichkeitsrechte und der Wahrheitsgehalt der Story eine wichtige Rolle spielen.

Der Streit beginnt bei der Vorlage. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen der deutsch-eritreischen Sängerin Senait Mehari, die 2004 unter dem Titel „Feuerherz“ bei Droemer-Knaur erschienen sind. Mehari schildert darin unter anderem ihre Zeit in einem Ausbildungslager der eritreischen Befreiungssoldaten, die im Kampf um die Unabhängigkeit von Äthiopien auch Kinder rekrutiert haben sollen. Das Buch hat sich rund 450 000 Mal verkauft. Elf Länder erwarben die Lizenzen. Ein Erfolg. Doch vor einem Jahr wurden Zweifel an der Authentizität von Meharis Geschichte laut. Nachdem sich die Autorin in Interviews gegen die Vorwürfe wehrte, begannen Auseinandersetzungen vor Gericht. Zwei Eritreer – ein Mann und ein Frau – fühlen sich falsch dargestellt und haben Klage wegen Verletzung ihres Persönlichkeitsrechts eingereicht. Vom Berliner Amtsgericht Tiergarten wurde Mehari zu einer Strafe von 9000 Euro verurteilt. Doch das Urteil ist nicht rechtskräftig, denn der Verlag hat Widerspruch eingelegt. Er sieht eine Kampagne im Gang, mit der Mehari mundtot gemacht werden soll. Noch ist die Sache nicht entschieden.

Die Filmemacher könnten auf diesen Streit wegen möglicher Negativwerbung gut verzichten – zumal die Auseinandersetzung den Film nur indirekt betrifft. Zwar heißt es, dass sich die beiden Eritreer vorbehalten, auch gegen den Film vorzugehen. Die Produzenten Andreas Bareiss und Sven Burgemeister bleiben jedoch gelassen. Der Film ist „frei nach dem Buch“ erzählt; die Änderungen sind beträchtlich. „Wer das Buch gelesen hat und jetzt den Film sieht, erkennt das Buch in seinen Details nicht mehr“, sagt Bareiss, der auch Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ mitproduziert hat. Mehari kommt als Erzählerin im Film gar nicht vor. Stattdessen rückt eine fiktive Figur – die zehnjährige Awet – in den Mittelpunkt. In den Wirren des Unabhängigkeitskriegs zwischen dem späteren Eritrea und Äthiopien verschlägt es sie in ein Lager der Befreiungskämpfer. Dort soll sie zur Kindersoldatin ausgebildet werden.

Mit dieser Drehbuchwendung ist die eritreische Seite nicht einverstanden. Sie leugnet, dass Kinder in den Kämpfen um die Unabhängigkeit beteiligt waren. „Feuerherz“ – eine deutsch-österreichische Produktion, gedreht vom italienischen Regisseur Luigi Falorni („Die Geschichte vom weinenden Kamel“) – sollte ursprünglich in Eritrea entstehen. Anfangs beteiligte sich die Regierung des nicht gerade als Hort der Freiheit bekannten nordostafrikanischen Landes am Roten Meer. Im April 2007 beendete sie jedoch die Zusammenarbeit. Falorni und sein Team mussten nach Kenia ausweichen, wo sie eine ähnliche Landschaft fanden und viele eritreische Flüchtlinge leben. Doch der Einfluss der eritreischen Regierung reichte auch bis nach Kenia: Es gab Einschüchterungsversuche gegenüber den Darstellern, einige sprangen kurz vor Drehbeginn ab. Die wachsende Bedrohung hatte zur Folge, dass die Dreharbeiten von bewaffneten Personenschützern überwacht werden mussten.

Während Senait Mehari bei der Premiere heute Abend in Berlin erwartet wird, reist keiner der eritreischen Darsteller an. „Viele der Mitwirkenden sind im kenianischen Kakuma im Flüchtlingslager. Manche haben keinen Pass. Es ist nicht so, dass man dort anrufen und sagen könnte: Steig ins Flugzeug und komm! Außerdem gebietet es unsere Verantwortung, sie nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Im Moment ist das Risiko für diese Leute einfach zu groß. Der Arm dieser Regierung ist sehr lang“, sagt Bareiss.

Zwei Fronten haben sich gegen das Buch und den Film gebildet. Einerseits geht es um das Gefühl, verleumdet zu werden – darum geht es in dem Prozess in Deutschland. Andererseits wähnen politische Kräfte das Bild des jungen Staates Eritrea in Gefahr – was zu den Blockaden und Drohungen während der Dreharbeiten geführt hat. „Beschmutzung des Befreiungskrieges“: Diese Formulierung bekam das Filmteam häufig zu hören. Andreas Bareiss sieht in den Manipulationen der Regierung einen Versuch, Geschichtsklitterung zu betreiben.

Unter diesen Voraussetzungen darf sich der Film keine Fehler erlauben. Um die Fakten abzusichern, engagierten die Produzenten vier Journalisten und Wissenschaftler aus Deutschland und Italien, darunter die Ethnologin Kerstin Volker-Saad. Sie sollten in italienischen, britischen und amerikanischen Archiven nach Berichten, Fotos und Fernsehsendungen forschen, die belegen, dass Kindersoldaten von den Eritreern ausgebildet wurden. Bareiss zufolge ist das gelungen: „Dass es Kinder an der Waffe in Eritrea gab, ist unzweifelhaft.“

Wie es weitergeht, hängt auch vom Echo auf den Film ab. Sollten sich nach der Uraufführung weitere ehemalige Kindersoldaten an die Öffentlichkeit wagen, wie Bareiss hofft, würde die Kontroverse vielleicht verstummen und der Blick auf das eigentliche Anliegen gelenkt: auf die Tragödie von Kindern im Krieg.

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