Feuerkatastrophe : Kur für Anna Amalias Brand-"Patienten"

Nach dem verheerenden Brand in der Anna Amalia Bibliothek im Weimar, liegt nun das erste Musterexemplar für die Restaurierung vor. Erste Lücken nach der Feuerkatastrophe konnten bereits geschlossen werden.

Weimar - Unscheinbar liegt das Buch auf dem Tisch. Gebunden in so genanntes schwarzes Kleisterpapier, lässt sich seine Bedeutung kaum erahnen. Sie ist in diesem Fall auch weniger inhaltlicher Natur. Vielmehr steht der Einband der Edition aus dem 19.Jahrhundert im Mittelpunkt des Interesses. So wie dieser soll künftig auch der Umschlag von weiteren rund 570 Bänden der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek (HAAB) aussehen. Er ist das erste Musterexemplar für die bevorstehende Restaurierung einer Gruppe jener rund 62.000 Bücher, die bei der Brandkatastrophe Anfang September 2004 in der historischen Bibliothek zum Teil schwer beschädigt wurden.

Während etwa 11.000 Bücher nach Gefriertrocknung und Reinigung inzwischen wieder in den Bestand integriert werden konnten, ist fast die Hälfte der aus dem brennenden Gebäude geborgenen Exemplare so schwer in Mitleidenschaft gezogen, dass nach Befürchtung von HAAB-Direktor Michael Knoche "nur der kleinste Teil restauriert werden kann". Das Augenmerk der Buchrestauratoren richtet sich derzeit auf jene 22.000 Bücher, die durch Löschwasser, Hitze und Rauch mittelschwere Blessuren davontrugen.

Sie wurden zunächst einmal nach dem Material ihrer Einbände - von Papier, über Leder und Textilien bis Pergament - in acht Kategorien eingeteilt. Knapp ein Viertel davon entfallen auf Papiereinbände, die wiederum sechs Sparten vorweisen können. Als erstes haben sich die Experten nun die schwarzen Kleistereinbände vorgenommen, und zwar jene etwa 570, die nach Worten des Leiters der Buchrestaurierungswerkstatt, Matthias Hageböck, "ein relativ gleiches Schadensbild" aufweisen.

Restaurierung kein Routineverfahren

Um Fehlstellen ergänzen zu können, wurde eigens für die HAAB ein neutrales Papier geschöpft, dessen Farbe und Qualität die Weimarer vorgaben. Bei der Wiederherstellung geht es darum, so viel Originalsubstanz und historische Technik wie möglich zu erhalten. Gleichzeitig soll erkennbar sein, was restauriert wurde. Darum auch der Musterband, dem für jede Sparte ein weiterer folgen wird. Sie sollen als Maßstab bei der noch für dieses Jahr geplanten Ausschreibung dienen, denn das Gros der Brand-"Patienten" wird in externen Werkstätten kuriert werden. Zuvor jedoch muss für jeden ein "Krankenblatt" mit rund 130 Merkmalen erstellt werden.

Es gebe kein Routineverfahren, kein Lehrbuch, wie nach einem solchen Brandunglück mit den beschädigten Büchern zu verfahren sei, macht Jürgen Weber deutlich. Deshalb auch arbeite man mit Hochschulen zusammen, an denen Restauratoren ausgebildet werden, betonte der Leiter Bestanderhaltung der Weimarer Bibliothek. In zwei Forschungsprojekten werde an der Fachhochschule Köln und im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung geprüft, ob Schadstoffe, die durch Löschmittelzusätze und Rauch in die Papiere gelangten, zusätzlich behandelt werden müssen.

Inzwischen konnten erste Lücken, die der größte Bibliotheksbrand in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg hinterlassen hat, geschlossen werden. Rund 5000 und damit ein Zehntel der vernichteten Bände finden sich dank Schenkungen und Ankäufen inzwischen wieder im Bestand der über 300 Jahre alten Einrichtung. Nach Einschätzung von Direktor Knoche können etwa 70 Prozent der verlorenen Bücher wiederbeschafft werden. Das aber "wird Aufgabe einer ganzen Generation sein" und rund 47 Millionen Euro kosten. Darüber hinaus würden rund 20 Millionen Euro für die Restaurierung gebraucht. Davon stünden aus Spenden und öffentlichen Zuwendungen bislang 17,5 Millionen Euro bereit. (tso/ddp)

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