Kultur : Feuerkopf

Der Dirigent Yoel Gamzou lebt nur für Mahler

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Foto: promo
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Der Kerl ist ein Phänomen. Mit sieben Jahren bereits weiß Yoel Gamzou, dass er Dirigent werden will. Als 15-Jähriger haut er von zu Hause ab, verlässt Israel in Richtung New York, studiert das Kapellmeisterhandwerk, setzt sich in den Kopf, Schüler von Carlo Maria Giulini zu werden, fliegt nach Mailand, kampiert wochenlang auf dem Bahnhof, bis er endlich zu dem greisen Maestro vorgelassen wird. Der nimmt Yoel Gamzou tatsächlich unter seine Fittiche, teilt mit ihm seine Geheimnisse, bis zu seinem Tod 2005. Gamzou geht nach Paris, dann nach London, 2008 schließlich nach Berlin. Er gründet ein Orchester, das er nicht nur dirigiert, sondern auch noch selber managt, als sein eigens Mädchen für alles: Vor den Proben stellt er eigenhändig die Noten auf die Musikerpulte, abends verteilt er Werbezettel für das Konzert.

Ein junger Mann, der für die Musik brennt, den es magisch aufs Podium zieht, der all seine Bekannten zusammentrommelt, um mit ihnen die Mammutsinfonien Gustav Mahlers einzustudieren - vieles erinnert an Simon Rattle, den heutigen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker. Yoel Gamzou allerdings begnügt sich nicht damit, Mahler aufzuführen: Er will ihn auch vollenden, die zehnte Sinfonie fertigstellen, über deren Manuskript der Komponist vor 100 Jahren gestorben ist. Dass sich daran bereits mehrere erfahrene Musikwissenschaftler versucht haben, schreckt ihn nicht. Er muss es einfach tun. Als Teenager bereits knüpft er Kontakt zu den Erben, geht er in die Archive, brütet über den Skizzen. Sieben volle Jahre widmet er dem Projekt, mit 24 Jahren hat Gamzou die Partitur – die er sein „Lebenswerk“ nennt – abgeschlossen. Die Uraufführung findet im vergangenen Herbst bei den „Jüdischen Kulturtagen“ statt.

Nach dem Konzert beschließen einige begeisterte Zuhörer: Dieses Werk muss auf einer Tournee in ganz Deutschland vorgestellt werden! Obwohl keiner von ihnen Erfahrungen im Musikmanagement hat, machen sie sich ans Werk, buchen Konzertsäle, bürgen mit ihrem Privatvermögen. Am kommenden Montag startet Gamzou seine Tournee mit dem „International Mahler Orchestra“, am 25. November treten sie in der Philharmonie auf. In dem Projektensemble sitzen übrigens bewusst Studenten neben erfahrenen Musikern - damit die Jungen vom Wissen der Profis profitieren können und die Routiniers vom Enthusiasmus der Newcomer.

76 Musiker, sechs Städte, keine Subventionen – ein gewagtes Unternehmen. Natürlich könnte es der Nachwuchsmaestro auch einfacher haben. Indem er die Kontakte mit den staatlichen Kulturinstitutionen ausbaut. Als er jüngst für einen erkrankten Kollegen in Kassel einsprang, boten ihm die Musiker sofort einen Vertrag als Gastdirigent an. Doch einer wie Yoel Gamzou wählt immer den steinigen Weg. Eine sichere Stellung als Kapellmeister an einem Stadttheater lehnt er ab. Er muss sich frei fühlen. Nur so kann er seine Leidenschaft leben, rückhaltlos, rücksichtslos. Frederik Hanssen

Philharmonie, 25. 11., weitere Informationen unter: www.mahler-10.com

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