Kultur : Feuerspucker des Jazz: zum Tod von Herbie Mann

Christian Schröder

Verkaufserfolge sind im Musikbusiness oft ein Resultat der richtigen Verpackung. Für das Cover seines Albums „Push Push“ ließ sich der Jazzflötist Herbie Mann 1971 mit nacktem Oberkörper fotografieren. Sein Spitzbart wirkt mondän, Brust und Bauch sind prachtvoll behaart, die Flöte hat er lässig geschultert. Ein Samtrelief im Inneren des orangefarbenen Klappcovers zeigt ein Paar beim Liebesspiel. Zu hören ist auf der Platte allerdings kein Kuschelpop, sondern erlesener Jazzrock. Mann interpretiert „What’d I Say“ von Ray Charles, Marvin Gayes Anti-Vietnamkriegs-Hit „What’s Going On“ und „Spirit In The Dark“ von Aretha Franklin, seine für ihren perkussiven Klang berühmte Querflöte schlägt Haken und Kapriolen, aus dem Zusammenspiel mit der Gitarre des Rockstars Duane Allman entwickeln sich regelrechte Duelle. Die Liner Notes enden mit einer politischen Botschaft: Wenn die Staatsmänner genauso glaubwürdig wären wie der Soul von Charles, Gaye und Franklin, „dann gäbe es weniger Hass und mehr Liebe auf der Welt“.

Als er „Push Push“ veröffentlichte, stand Herbie Mann im Zenith seiner Karriere. Der Durchbruch war ihm 1962 mit der LP „Herbie Mann At The Village Gate“ gelungen, bei der er die Eindrücke einer Brasilienreise verarbeitet hatte. Sein vom harten Rhythm & Blues des Stax-Labels beeinflusstes Album „Memphis Underground“ verkaufte sich 1970 300000 mal und war 76 Wochen in den US-Charts platziert. Mehr konnte man als Jazzmusiker kommerziell nicht erreichen. Der hitzigen Blastechnik seines „dirty sounds“ blieb er treu, die Stile wechselte er laufend. Dass er sich dabei, wie Kritiker monierten, immer weiter vom Jazz entfernte und Ende der Siebzigerjahre beim Nachflöten von Disco-Hits ankam, kümmerte ihn wenig. „Ich habe meine Zuhörer zur Toleranz erzogen. Nur merken sollten sie es nicht“, hat er gesagt.

Geboren wurde Herbie Mann 1930 in Brooklyn, er lernte Klarinette und Tenorsaxofon, bevor er sich auf die Flöte konzentrierte, ein Instrument, das vor ihm im Jazz nur ein Schattendasein gefristet hatte. Die erste Jazzplatte, die er hörte, hieß „Jungle Fantasy“, später tourte er mit seiner Band monatelang durch Afrika. „Der große Pan spuckt Feuer“, hat die „Süddeutsche Zeitung“ über sein Flötenspiel geschrieben. Am Dienstagabend ist Herbie Mann (Foto: AP) in seinem Haus in Santa Fe, New Mexico, an Krebs gestorben. Er wurde 73 Jahre alt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben