Kultur : Feuervogel als fetttriefendes Huhn

KLASSIK

Jörg Königsdorf

Die Vorankündigung im Programmheft ist alarmierend: Gerade mal ein Orchester von Weltrang kann Berlins traditionsreiche Konzertagentur in ihrem nächsten Abo-Zyklus präsentieren. Abgesehen vom Konzert des Philadelphia Orchestra wird die Saison von Mittelklasse-Formationen aus Städten wie Toulouse, Granada und Bournemouth bestritten, von Orchestern, für die eine Tour durch die großen Konzertsäle Europas kaum etwas anderes ist als ein ambitionierter Betriebsausflug: Man schießt ein paar Gruppenfotos, und ist stolz darauf, in der Philharmonie gespielt zu haben. Mehr springt auch beim Konzert des Dallas Symphony Orchestra nicht heraus. Seit 103 Jahren wird in der texanischen Ölstadt Klassikpflege betrieben, ehrbar – aber überregional denn doch nicht konkurrenzfähig. So fantasielos dürfte etwa Strawinskys „Feuervogel“-Suite nur selten zu hören sein: Das Orchester steuert lediglich kaum variierende Grundfarben bei, Chefdirigent Andrew Litton entlockt der Musik weder Geheimnis noch tänzerische Delikatesse, und Strawinskys schwereloses Märchenwesen wird zum fetttriefenden „Kentucky fried Chicken“. Auch Rachmaninows drittes Klavierkonzert wird gründlich in den Sand gesetzt: Keine Spur von dem perfekten Zusammenspiel, das Mikhail Pletnev und Valery Gergiev erst vor wenigen Tagen an diesem Werk demonstrierten, keine Spur auch von Pletnevs gestalterischer Intelligenz: Boris Berezowsky fällt planlos vom Vermurmelten ins Brachiale, und das Orchester walzt ungerührt drüber weg. Den nächsten Betriebsausflug machen die Musiker besser an die See. Oder in die Berge.

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