Kultur : Feuerzauber

Sybill Mahlke

"Eine Senta wird gesucht, eine Elsa": Es scheint, als habe Alfred Kerr prophetisch die Oper angekündigt, als er 1906 das Theaterstück "Ritter Blaubart" von Herbert Eulenberg rezensierte. Eine Hoffnung sieht er in dem Dichter, der mit seiner Bearbeitung des alten Märchenstoffes am Berliner Lessingtheater gerade einen Misserfolg einstecken musste. Der Kritiker hegt Sympathie für das Drama um einen "empfindsamen" Blaubart, und er fühlt das Erlösungsmotiv: Genauso klingt die Oper, die Emil Nikolaus von Reznicek 1920 zu dem Eulenbergtext herausgebracht hat. Ein erheblicher Erfolg in Berlin, wo der Komponist aus Wien damals als Professor der Musikhochschule residierte.

Entgegen Bartóks Meisterwerk über den Stoff (1911) blickt Reznicek in die Ferne vergangener Zeiten. Es wagnert und donnert, die Waldvöglein singen, und eine Senta wird gefunden. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin macht im SFB-Sendesaal die von DeutschlandRadio unterstützte Probe aufs Exempel. Und die Interpretation zeigt, dass dieser "Blaubart" jenseits allen Fortschrittsglaubens nicht nur Effekt, sondern auch Rührung hervorruft. Unheimliches Spukschloss, Jagdhörner, Singvögel, Fledermäuse, Tauben, darin der einsame Held, monologisierender Lohengrin und zugleich Frauenmörder from hell. Für Blaubart soll die Entschuldigung sprechen, dass die erste der fünf Geköpften ihm untreu war. Judith (Celina Lindsley), die sechste, verabschiedet sich in einer Gefühlsmischung aus Mitleid und Furcht von ihrem Vater (Arutjun Kotchinian), von Bruder (Robert Wörle) und Schwester (Andion Fernandez), um dem Ritter zu folgen. Dann sagt er ihr eines schönen Morgens, dass sie nicht herumspionieren dürfe - mit dem bekannten mörderischen Resultat. Aber das Märchen geht weiter, bis Judiths Schwester Agnes sich in die Tiefe stürzt und Blaubart Erlösung findet in seinem brennenden Schloss. Feuerzauber, letzte Tat eines seltsam treuen Dieners (Victor Sawaley). In der Titelpartie steigert sich David Pittman-Jennings, eigentlich indisponiert, zu großem baritonalen Abschied. Kapellmeistertugend Michail Jurowskis: die Partitur zu umhegen vom stillen Lautenlied bis zum Getöse auf der Basis zweier Tuben.

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