Kultur : Feuilletonist auf weitem Feld

Zum Tod des Publizisten Rudolf Walter Leonhardt

Hermann Rudolph

Der kleine Umweg muss sein. Man kann nämlich über Rudolf Walter Leonhardt nicht schreiben, ohne die Nachkriegsgeschichte des deutschen Feuilletons zu rekapitulieren. Denn das Feuilleton der „Zeit“, das kräftig dazu beitrug, das Hamburger Blatt in den 60er, 70er Jahren zur Stimme der aufgeklärten Bundesrepublik zu machen, war sein Feuilleton. Gut sechzehn Jahre lang hat er es geleitet und inspiriert. Erst war es fast ein Einmann-Unternehmen, dann ein vielseitiges Kraft- und Einflusszentrum, das für zumindest ein Jahrzehnt das intellektuelle Forum der Republik war. Hier wurden Themen gesetzt und Tendenzen gezeugt. Hier hatte die junge deutsche Literatur ihren Auftritt – die Gruppe 47 zumal – , hier begann die deutsche Bildungsdiskussion ihre öffentliche Karriere. Ein Sammelplatz für alles, was originell, aufgeschlossen, interessiert war – Autoren und Leser. Pflichtlektüre für aufgeweckte Studenten.

Aber dieses Kreativitäts-Zentrum wäre natürlich nicht möglich gewesen, ohne den Mann, der es machte: „Leo“ – wie er seine Glossen zeichnete und genannt wurde –, begnadeter Themen-Finder und Redaktions-Arbeitstier, Literatur-Liebhaber und Lebenskünstler, journalistischer Hansdampf in vielen Bereichen, vom guten Essen und Trinken bis zum begeisterten Reisen. Leonhardt war ein so glänzender Feuilletonist, weil er immer mehr als das war. Er war wahrhaftig gebildet, war Schüler des legendären Romanisten Curtius in Bonn gewesen, hatte in den ersten Nachkriegsjahren auch deutsche Literatur in Cambridge unterrichtet – und kultivierte einen breiten Kulturbegriff, bevor das Wort erfunden wurde. In seinem Feuilleton richtete er nicht nur Kolumnen ein, in denen Autoren über „Mein Gedicht“ schrieben, sondern auch eine „Trinkecke“, und prominente Schriftsteller schrieben unter Pseudonym wunderhübsche Feuilleton- Briefe – Böll aus dem Rheinland, Thilo Koch aus Krähwinkel –, auf die die Leser von Woche zu Woche mit Spannung warteten.

Leonhardts unkonventionelles, entwaffnendes Temperament wuchs heraus aus Biographie und Generationserfahrung. Der Sachse mit französischer Mutter, der an der Sorbonne studieren wollte,wurde blutjung in den Krieg gerissen, kam davon, zweimal als Flieger abgeschossen. Davon blieb nicht nur das Ritterkreuz, dessen Erwähnung er unwillig abwehrte, sondern auch ein Hauch Kasino – Zigarette, Whisky-Glas, chevaleresker Ton. Er amalgamierte sich bei ihm nach dem Krieg erfolgreich mit dem Beitritt zur britischen Lebensart. Es war die Begegnung mit dieser neuen Welt, die Zweitgeburt dieser Generation der Überlebenden, die ihn zeitlebens getragen hat – abgesehen davon, dass er auch noch ein ungemein liebenswürdiger, zu Geselligkeit und Freundschaft begabter Charakter war.

Leonhardt schrieb leicht und brillant, eingängig und mit eigenwilligem Witz. Er hat wichtige Bücher veröffentlicht, die die aktuellen Debatten belebten – über den „Sündenfall der deutschen Germanistik“ zum Beispiel, schon 1959, und, zusammen mit Marion Gräfin Dönhoff und Theo Sommer , die „Reise in ein fernes Land“, die 1964 die DDR in den Blick der Bundesrepublik zu rücken suchte. Er war auch ein erfolgreicher Autor: „X-mal Deutschland“ hieß seine 1961er-Deutschland-Besichtigung, dreihunderttausend Mal verkauft. Nachdem er 1973 die Leitung des Feuilletons aufgegeben hatte und stellvertretender Chefredakteur geworden war, wurde das Spektrum seiner Artikel und Bücher noch breiter. Auch für diese Zeitung hat er in seinen späten Jahren geschrieben – die Glosse „Meine Sprache“. – Wer ihn, der am Sonntag 82-jährig gestorben ist, kannte, wird ihn nicht vergessen.

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