"Feuriger Engel" an der Bayerischen Staatsoper : Die flambierte Frau

Höllisch gut: Prokofjews Oper „Der feurige Engel“ in München, inszeniert von Barrie Kosky, dem Chef der Komischen Oper Berlin.

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Mit Leib und Seele. In Rebecca Ringsts Bühnenbild choreografiert Otto Pichler einen wilden Sabbattanz.
Mit Leib und Seele. In Rebecca Ringsts Bühnenbild choreografiert Otto Pichler einen wilden Sabbattanz.Foto: Wilfried Hösl

Menschen im Hotel. Bevor die Musik einsetzt, herrscht stummes Spiel. Das Zimmer, das Ruprecht, ein Abenteurer, gerade bezieht, ist von großbürgerlichem Luxus: barocker Zierat an den Wänden, Stilmöbel, etwas abgestanden die Eleganz, sogar ein Flügel steht drin. Personal in Uniform wuselt. Die Wirtin, die den Gast einweist, hat kafkaeske Züge. Aus der schmutzigen Mansarde, wie sie die Regieanweisung vorgesehen hat, ist diese Suite geworden, aber ein Seelengefängnis zugleich von der unheimlichen Art.

Barrie Kosky ist ein Regisseur, der vieles kann, sowohl Operette als auch „Moses und Aron“. An der Bayerischen Staatsoper hat er nun den „Feurigen Engel“ Prokofjews inszeniert. Mit Bombenerfolg für eine Feier des Fantastischen. Was er als Intendant seiner Komischen Oper Berlin dem jungen Kollegen Benedict Andrews anvertraute (dort wieder am 16. und 22.12. auf dem Spielplan), krempelt Kosky nach seiner Manier um: Das Stück wird zur gigantischen Show des Nichtgeheuren.

Im Münchner Nationaltheater geht er sogleich aufs Ganze. Es spukt im Luxushotel, dessen Stuckdecke und Wände nach Belieben beweglich sind (Bühne: Rebecca Ringst). Das Mädchen Renata, die Besessene, die einen Krieg mit Dämonen kämpft und solche Angst hat, dass sie in der ersten Szene der Oper nur so schreit gegen Attacken rätselhafter Herkunft, ist nicht Nachbarin Ruprechts im Nebenzimmer, sondern kriecht unter dessen Riesenbett hervor. Sie malträtiert den Mann wie auch das Kopfkissen, hyperkinetisch.

Ruprecht und Renata, ein zerstörtes Paar

Die Darstellerin ist dieselbe wie in Berlin: Svetlana Sozdateleva. Stimmliche Intensität ohnegleichen, verkörpert sie ein Energiebündel in der Gewalt der Helfershelfer Satans. Sie war ein Kind von acht Jahren, als sich in ihrem Zimmer ein Engel zeigte. Eine Erscheinung im Sonnenstrahl, die Augen von himmlischer Bläue, Locken gesponnen aus reinem Gold. Während sie ihm dies arios erzählt, so sieht es Kosky, umfasst sie Ruprecht, den Fremden im Hotel, als sei er dieser feurige Engel Madiel, der seither ihre Seele besitzt. Oder auch Graf Heinrich, dessen Stellvertreter auf Erden, dem sie nach einer Zeit „paradiesischen Sündenfalls“ hinterherjagt. Da Ruprecht sich in Renata verliebt, beginnt eine Lebensreise der beiden, ein zerstörtes Paar. In der Partitur rasen die Sechzehntel fortissimo, Renata aber stößt Ruprecht von sich.

Prokofjew hat seine wunderbare Oper dem Roman des russischen Symbolisten Waleri Brjussow abgewonnen. Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters waltet Vladimir Jurowski, der designierte Nachfolger Marek Janowskis als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Er dirigiert mit flammender Souveränität die harmonischen Schärfen, Ostinato- Schichten, die gewaltigen Teufelstänze, auch die lyrischen Melodien der Erinnerung Renatas an Madiel, die Exzesse greller Töne. Die Glut der Schauergeschichte kommt aus dem Graben. Mehr als die Psyche des Mädchens interessiert Kosky das Übersinnliche. Wenn eine Wahrsagerin (Elena Manistina) auftaucht, formiert sich sogleich eine spiritistische Séance.

Mitreißend tanzen sich Männer in einen Schwulensabbat

Ein Intermezzo wird zum Marsch Untoter im Abendkleid, und mitreißend tanzen sich Männer in einen Schwulensabbat hinein (Choreografie: Otto Pichler). Agrippa von Nettesheim (tenorale Autorität: Vladimir Galouzine), der Schwarzmagier, predigt ironisch: „Gebt es auf, an Weibermärchen zu glauben.“ Umso mehr greift die Magie um sich, die er Wissenschaft der Wissenschaften nennt. Manisch rennt Renata im Hotelzimmer hin und her, während Ruprecht (Evgeny Nikitin mit schwärmerischem Bariton) als Teufels-Pianist ihr ebenso verhexter Partner im Wahnsinn wird.

Der Scheiterhaufen bleibt Renata erspart

Es verwundert wenig, dass Faust (wohlklingend: Igor Tsarkov) bei Kosky Strapse trägt und Mephisto (Kevin Conners) mit Einblicken prahlt, die der Darsteller beim Schlussapplaus unter einem Höschen verbirgt. Für hervorragende Besetzungen stehen auch Ulrich Reß mit einer feinen Studie als Bücherwurm Glock und Okka von der Damerau als Äbtissin. Bei ihr im Kloster summiert sich ein Dickicht des Aberglaubens: Die Nonnen, alle kostümiert wie Christusse mit Dornenkronen, helfen dem Inquisitor (volltönend: Goran Jurik) beim Exorzismus Renatas.

In Koskys Lesart bleibt ihr der Scheiterhaufen erspart. Vielmehr erwacht sie aus ihrer religiösen Ekstase im leeren Zimmer, zusammen mit ihrem gedemütigten Liebhaber Ruprecht. So endet wie ein böser Traum, was der Theaterbesucher als überbordend verrückten Bilderbogen mit großartiger Musik bestaunen durfte.

Die Oper zeigt eine Übertragung der Produktion am 12. Dezember ab 19 Uhr auf der Website www.staatsoper.de/tv

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