Kultur : Feuriges Herz - Ein theatraler Videoschnipsel-Abend

Doris Meierhenrich

"Passt blooß uff", riefen die Westberliner vor knapp vierzig Jahren über die Mauerbaustelle gen Osten und merkten dabei nicht das Unheil, das sich hinter ihrem Rücken - im Westen - zusammenbraute. Das zumindest brabbelt Jürgen Kuttner, der Radio-Moderator und debütierende Regisseur mit ostberliner Schnodderigkeit von der Rampe der Volksbühne herunter in die Gesichter der Zuschauer. Eine Dreiviertelstunde lang stimmt er das Publikum ein in seinen theatralen Videoschnipsel-Abend "Renegaten? - Lei Feng!" (am 21.1. um 21 Uhr), erklärt alles, was irritieren könnte und lässt doch nichts, als Irritation zurück. Denn er weiß, man darf sein Stück nicht selbst erklären, und wenn doch, dann nur mit der Bitte, alles schnell wieder zu vergessen. Und trotzdem gibt Kuttner eine Stunde in deutscher Sozialgeschichte, projiziert auf eine Leinwand über der Bühne in kurzen Videoclips ein Horrorszenario des Kapitalismus (aus Karl Moiks "Musikantenstadel" in Peking) und die Segnungen des Maoismus (aus Godards "La Chinoise"). Das Unheil, von dem er denn auch das Westdeutschland der Nachkriegsgeschichte heimgesucht sieht, ist der Maoismus der Abtrünnigen, der Renegaten, wie Joschka Fischer einer ist. Dieser Maoismus heißt: "Ich weiß es besser". Doch, und das ist der Sinn dieses Abends, gibt es noch einen anderen Maoismus als diesen: den des Genossen Mao und des Genossen Lei Feng. Lei Feng, der Bestarbeiter, Bestmensch und Bestkommunist, der durch die chinesische Propaganda nach seinem Tod 1962 zum Vorbild eines jeden Chinesen werden sollte. Er tritt auf, endlich, nachdem Kuttner abgetreten ist. Sein Freund Wang und drei Pioniere begleiten ihn. Alle sprechen frontal zum Publikum, starr und kehren die Inszenierung gegen sich selbst: Die guten Taten Lei Fengs sind nicht von dieser Welt.

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