Kultur : Fieber der Fremde

Der gute Dämon der Erinnerung: Ryszard Kapudcinski geht mit Herodot, dem Vater aller Reportagen, auf Reisen

Nico Bleutge

Das erste Signal ist eine Art Nervosität. Alles beginnt zu stören. Das Licht und die anderen Menschen, ihre Stimmen, ihr Geruch, ihre harte Berührung. Doch für Abscheu und Ekel bleibt kaum Zeit. Denn ohne jede Vorwarnung kommt der Anfall. Eine grausame Attacke von Kälte, von subpolarem, arktischem Eis. „Da hat uns jemand, nackt und eben noch in der Hölle des Sahels oder der Sahara schmorend, gepackt und mit einem Mal in die eisigen Höhen Grönlands und Spitzbergens geschleudert, mitten in den Schnee hinein. Was für ein Schlag! Was für ein Schock!“ Und während die rhythmischen Wellen der Malariakrämpfe den Menschen schütteln, spürt er, dass diese Kälte nicht von außen stammt, sondern dass er sie in seinem Inneren hat, dass all die Eistafeln und Eisberge durch seinen Körper driften, durch seine Adern, Sehnen und Knochen.

Ryszard Kapudcinski war in Uganda unterwegs, als er zum ersten Mal von der Malaria gepackt wurde. Ein junger polnischer Korrespondent, der über den Zerfall des kolonialen Systems berichten sollte. Das war 1962, und die meisten seiner großen Reisen lagen noch vor ihm. Gut 40 Jahre später hat er davon in seinem „Afrikanischen Fieber“ erzählt, in einer Sprache, die so gar nichts von einem entspannten Rückblick hat, die den Leser vielmehr hineinzieht in die Schocks und Eiswellen der Malaria. Doch wie hart auch immer diese Anfälle beschrieben sein mögen, Kapudcinski Sätze machen zugleich etwas spürbar von seiner Faszination. Die Malaria ist ihm eine Urszene für die Besessenheit: „Wenn wir an Geister glauben, wissen wir, was das ist: Ein böser Dämon ist in uns gefahren, weil jemand einen Zauber gegen uns gesprochen hat. Dieser Dämon hat uns überwältigt und gefesselt.“

In einem Buch, das viel ruhiger ist als die afrikanischen Szenen, hat Kapudcinski nun wieder über einen solchen Dämon geschrieben. Es ist kein böser Geist, der von ihm Besitz ergriffen hat, sondern ein ganz und gar menschenfreundlicher Nomade. Einer, der rastlos ist, ständig in Bewegung, ein früher Don Quijote vielleicht, und einer, der aufschreibt, was er sieht und hört und spürt. Seinen Herodot hat Kapudcinski immer dabei.

Er liest ihn als Reporter in China ebenso wie in seinem Hotelzimmer in Kalkutta, während draußen auf der Straße die Sirenen heulen. Diese Lektüre vereinzelt nicht, sie erzeugt keinen Ekel vor der Welt wie die Fieberschübe der Malaria. Sie zeigt dem jungen Ryszard Kapudcinski einen Menschen, der ihn einnimmt durch seine Offenheit für andere, durch seine Bereitschaft, sich etwas sagen zu lassen, nicht zu verurteilen, sondern zu verstehen und zu beschreiben. Und sie führt ihn mitten hinein in jenes erzählerische Niemandsland, das Hans Christoph Buch einmal den „Grenzbereich von Fiktion und Realität“ genannt hat.

Herodot lebte zu einer Zeit, die noch weitgehend von der mündlichen Überlieferung bestimmt war. Im fünften Jahrhundert vor Christus galt ein Buch als Seltenheit. Es gab die Menschen und was sie einander zu erzählen hatten, im unermüdlichen Austausch von Geschichten. Herodot will alle diese Geschichten sammeln, er kämpft an gegen das Vergessen, einmal bekennt er sogar, an einer „Obsession der Erinnerung“ zu leiden. Deshalb bereist er die halbe Welt, befragt Menschen und Bücher. Deshalb hält er Augen und Ohren stets offen und zeichnet das Gesammelte in seinen „Historien“ kunstvoll auf.

Bei alledem weiß er genau, wie schwach und flüchtig die Erinnerung ist. Die Erzählungen der anderen sind immer schon zugeschliffen, eingepasst in die eigenen Bedürfnisse und Absichten, hier ist etwas vergessen, dort etwas verdreht oder erfunden worden. Das gilt erst recht für die Geschichtenerzähler und ihre Lust, vom ungewöhnlichsten Ereignis zu berichten. So vermischen sich Fakten mit Fantasie, entstehen Legenden, Gerüchte und kleine Mythen. Ryszard Kapudcinski zeigt sehr schön, wie Herodot diesen Tücken der Erinnerung zu begegnen sucht. Immer wieder weist Herodot auf bloße Meinungen hin, diskutiert seine Quellen, gesteht Lücken in der Recherche ein oder erklärt sich. Manchmal dichtet er auch einfach etwas hinzu.

Wenn Ryszard Kapudcinski seinen Herodot als einen „Vollblutreporter“ beschreibt, spricht er natürlich immer auch von sich selbst. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden sind zweifellos groß, eine Grenze jedoch lässt sich niemals überwinden. Es ist die Fixierung auf die Sprache, die der Übergang zur Schriftkultur mit sich gebracht hat. Kapudcinski ist besessen von allen sprachlichen Momenten, sie bestimmen seine Wahrnehmung und sind ihm geradezu körperlich spürbar. Als er einmal den Kongo bereist, kann er nur staunen über die zahllosen kleinen Stämme, von denen jeder seine eigene Sprache hat. In China und Indien wird ihm diese Manie beinahe zum Verhängnis. Hätte er sich dort keine Bücher besorgt, vielleicht wäre er zwischen all den unverständlichen Zeitungen und Plakaten einfach untergegangen.

In seinem Inneren pulst gleichwohl eine Sehnsucht nach einer umfassenderen Sprache. Kein Wunder, dass er zu schwärmen beginnt, wenn er über das Zusammenleben zu Herodots Zeiten schreibt: „Um wie viel reicher war doch diese uralte, antike Sprache des direkten, sokratischen Kontaktes! In dieser Sprache zählen nicht nur die Worte. Wichtig war oft das, was ohne Worte kommuniziert wurde, durch einen Ausdruck des Gesichts, eine Geste der Hände, eine Bewegung des Körpers“. Diese winzigen Regungen versucht Kapudcinski in seinen Reportagen einzuholen. Und sie sind es auch, die sein Schreiben über Herodot bestimmen. Er spricht nicht nur über seine Nähe zu ihm oder darüber, wie sich der Graben der Zeit für Momente aufzuheben scheint, er vollzieht es zugleich in der Form seiner Texte. Indem er die Schreibtechniken Herodots anwendet oder seine historischen Gesetze ein wenig dreht. Indem er Erzählungen von antiken Kriegen mit den Konflikten der Gegenwart überblendet. Und indem er die Erinnerung stets genau prüft.

An einigen wenigen Stellen fällt Ryszard Kapudcinski seinem Lehrer ins Wort. Das geschieht meist dann, wenn Herodot eine Grausamkeit unkommentiert stehen lässt. Zu den genauen Beobachtungen und der Sachlichkeit von Kapuscinskis Sätzen mag das Moralisieren nicht recht passen, doch es zeugt von seinem umfassenden Respekt vor allem Menschlichen. Es ist dieser Einsatz für das Humanum, der seine „Reisen mit Herodot“ zu einem großen Buch macht.

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Ryszard Kapudcinski : Meine Reisen mit Herodot. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 363 S., 28,50 €.

Der Autor tritt am 21. Januar um 19.30 Uhr im Berliner Museum für Kommunikation bei einem Gespräch über Literatur und Fußball auf, zusammen mit Javier Marias, Per Olov Enquist und Henning Mankell.

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