Kultur : Fiktion oder Wirklichkeit?: Das Ende der Fantasie

Christiane Peitz

King Kong. Independence Day. Air Force One. Ausnahmezustand. Mars Attacks. Godzilla. Nein, das geht jetzt nicht, denkt man zuerst. Und möchte sich die Assoziationen aus dem Kintopp verbieten. Denn das hier ist nicht Kino. Das ist Wirklichkeit. Die Science-Fiction-Bilder laufen in den Nachrichten, nicht im Spielfilm danach. Und doch schieben sich die Bilder ineinander und kontaminieren die Wahrnehmung.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Das Bild vom zweiten Flugzeug, das eine Kurve zieht und sich in den Zwillingsturm des World Trade Center hineinbohrt, bis die Spitze herausragt. Das Bild vom kollabierenden Turm, immer wieder auf ARD, ZDF, CNN, SAT 1, egal wo man hinschaut: Apocalypse now: eine Endlosschleife des Realen. Sie bannt uns vor den Bildschirm, macht den Blick starr, wie die Schlange das Kaninchen. Wir kennen solche Bilder: als Spezialeffekt aus der Albtraumfabrik. Und doch haben wir solche Bilder noch nie gesehen, nicht als Dokumente eines realen Terrorakts. Wir sehen hin und können es nicht fassen. Auch darin liegt ein Kulturbruch: der Kollaps unserer Bilderkultur.

Das Katastrophenszenario war immer ein Mittel gegen die Angst. Das diffuse Wissen um die eigene Sterblichkeit und die Hinfälligkeit allen Menschenwerks, von Großstädten, technischen Errungenschaften und kostbaren Kulturgütern nährt die Fantasie, indem es sich Bedrohungen ausmalt und sich zugleich versichert, dass die schlimmsten Befürchtungen eben nur das sind: Nachtmahre, kein Tagesgeschehen. King Kong greift nach dem Empire State Buildung. Die Invasion der Außerirdischen zerstört die Metropolen. Das Weiße Haus liegt in Schutt und Asche. In Amerika herrscht Ausnahmezustand. Die Menschheit wird von Panik erfasst. Und der Präsident verkündet das Ende der Demokratie.

So packt man das Unvorstellbare am Kragen: indem man es sich vorstellt. Und die Panikattacke im geschützten Raum der Fiktion, des Kinos, des Videospiels, der Literatur tut ihre beruhigende Wirkung. Der Dämon des Bösen wird vertrieben, indem man ihm seine eigene Fratze vorhält: eine Geisterbeschwörung. Aber sie funktioniert nur, solange die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit gewahrt bliebt. Denn in der Fantasie haftet der Verwüstung ein Suspense an: Es ist schlimm, aber das Allerschlimmste ist noch nicht geschehen und wird bestimmt verhindert. Ohne Action können wir den Katastrophenfilm nicht ertragen. Also gibt es tüchtige Helden, die dem Bösen trotzen und es besiegen: der Stoff, aus dem Amerika seine Mythen strickt. Also folgt am Ende die Katharsis: die Rettung der Menschheit.

Dieser Katastrophenfilm kennt keine Helden, keine Erlösung, keine Katharsis, keinen Soundtrack. Absurd, wenn einzelne TV-Sender versuchen, ihre New-York-Bilder mit Musik zu unterlegen. Grotesk, wenn die Bildagenturen die "schönsten" Fotos vom südlichen Manhattan übermitteln. Welchen Ton schlägt man an, ohne pathetisch oder zynisch zu werden und ohne die eigene Hiflosigkeit wohlfeil zu zelebrieren? Dramaturgie, Inszenierung, Ästhetik, Gestik, alles obsolet. Auch das war im Fernsehen zu sehen, in jenem Moment, als George W. Bush, vor einer Schulklasse sitzend, die Nachricht ins Ohr geflüstert bekam. Einen Augenblick lang wurde sein Gesicht ganz leer, denn es gibt keine Reaktion im Repertoire unserer Mienen, die einer solchen Mitteilung würdig wäre. Einen Augenblick lang gab der Präsident kein Bild von sich ab, er machte nicht eine gute oder schlechte Figur, sondern gar keine mehr.

Die Angst, die wir im Reich des Imaginären so sicher in Schach halten können, ist jetzt losgelassen. Sie ist da, selbst wenn wir weit weg vor dem häuslichen Fernseher sitzen, weil die sorgsam bewachte Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit überschritten ist. Der Sicherheitsabstand ist dahin, und zwar in vielerlei Hinsicht. Zum einen entfällt die zeitliche Distanz. Die ferne Zukunft des Science-Fiction hat sich in wenige Minuten in Gegenwart verwandelt. Und die Gegenwart, das aus Hunderten von Kinofilmen und TV-Serien vertraute Bild von der Skyline Manhattans mit dem World Trade Center als Totem der Moderne, ist Vergangenheit geworden.

Zum zweiten gibt es keine mythische Entrückung mehr. Vorstellbar, also in Bilder gefasst, war solch ein Angriff auf die Zivilisation bislang nur von Seiten unmenschlicher oder außerirdischer Wesen. Von Riesenaffen, Sauriern, Monstern, Aliens. Bestenfalls von monströs gezeichneten Russen - im Spionagethriller des Kalten Kriegs - oder von finsteren Arabern: Karikaturen von bad guys, keine realistisch gezeichneten Protagonisten.

Auch das hatte etwas Beruhigendes: Mitglieder der menschlichen Spezies tun so etwas nicht. Eine New Yorkerin wurde beim gestrigen Straßeninterview unmittelbar nach dem Angriff nicht müde zu betonen, dass dies auf keinen Fall Amerikaner gewesen sein können. Wenn es schon Menschen waren, dann doch bitte wenigstens keine Landsleute. Daran hielt sie sich fest: an der verzweifelten Beteuerung des Andersseins der Täter. Aber auch diese Grenze existiert nicht mehr: Die Täter sind Fanatiker, Selbstmordattentäter, Menschen ohne Gewissen. Aber es sind keine Monster mit überirdischen Fähigkeiten. Sie können nicht, was wir nicht auch können - außer dass sie gelernt haben, wie man ein Flugzeug steuert.

Die Macht des Symbolischen

Mehr noch. Die Täter haben sogar etwas mit uns gemeinsam: das Wissen um die Aussagekraft des Symbolischen. Sie attackieren und zerstören das Pentagon und das World Trade Center, die Wahrzeichen der amerikanischen Militärmacht und der Finanzmacht. Sie lesen die Welt und ihr Bild, das sie von sich herzeigt, genauso wie wir. Das Alphabet für diese Art der Lektüre hat nicht zuletzt Hollywood in seinen Genrefilmen dem Publikum unentwegt vorbuchstabiert. Der mörderische Plan der Terroristen ist ohne die Symbolik, die auch das Kino der Katastrophen und Weltuntergänge kultiviert hat, nicht denkbar. Die Opfer, die Täter, die Zuschauer - sie teilen den gleichen Bedeutungszusammenhang.

Auch das Symbolische ist über Nacht obsolet geworden: Der Mensch demonstriert mit den Mitteln der Architektur seine Stärke, die Terroristen nehmen diese Demonstration beim Wort und strafen sie Lügen. 110 Stockwerke, das zweithöchste Gebäude der USA, bis vorgestern ein Wahrzeichen. Am 11. September, um 8.55 New Yorker Ortszeit, verwandelte es sich in ein schnödes Gebäude, in dem 40 000 Menschen arbeiteten und das aus statischen Gründen einen Flugzeugangriff nicht übersteht.

Und dennoch: Der Satz, dass es so etwas noch nie gegeben habe und dass solch ein Angriff auf die Zivilisation jede Vorstellung übersteigt, ist falsch. Seit Auschwitz wissen wir, was Menschen Menschen antun können. Aber seit Auschwitz gilt auch, dass es Dinge gibt, von denen wir uns kein Bild machen können. Deshalb gehört zu unserer Bilderkultur auch das Bilderverbot. Die Fantasie an die Macht, aber diese Macht ist nicht grenzenlos. Es gibt Orte, vor denen sie halt macht - aus Respekt vor der Wirklichkeit der Gewalt und des Todes. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis der Atompilz von Hiroshima im Spielfilm auftauchte, bis Steven Spielberg in "Schindlers Liste" und Roberto Benigni in "Das Leben ist schön" Auschwitz in Szene setzten. Aber es sind Szenen, die das Tabu wahren, indem sie ihre Gemachtheit, das Fiktive, den Unterschied zwischen Original und Rekonstruktion thematisieren. Auch ein Thriller-Autor wie James Ellroy betont, er würde niemals einen seiner blutrünstigen Krimi über aktuelle Ereignisse und lebende Personen verfassen. Wer diesen Respekt aufkündigt und Filmbilder eines realen Mordes an sensationslüsterne Voyeure verkauft, ruft die Justiz auf den Plan: Snuff-Movies sind illegal.

Zyniker werden fragen, ob wir uns nie wieder einen Katrastophenfilm anschauen werden. Gehören King Kong, Independence Day und Godzilla ab sofort in den Giftschrank? Zyniker sagen, dass wir unseren Schwur aus den Tagen von BSE, nie wieder Rindfleisch essen zu wollen, schon wenige Wochen später gebrochen haben. Der Mensch hält seine Sterblichkeit nicht aus, ohne sie zu jeden Tag neu zu vergessen. Und Hollywood, das ist anzunehmen, wird seine Antwort auf den 11. September finden.

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