Kultur : Fil: Ich kann nur Gesunde massieren

Knud Kohr

Vor einiger Zeit gab es im Internet eine erbitterte Debatte darüber, wer der sexieste Mann der Welt sei: Ricky Martin oder Fil. Letztlich gewann der Latino-Popstar knapp. "Das lag aber auch daran, dass da ein Bild von mir gezeigt wurde, mit dem ich mich selbst nicht gewählt hätte!", gibt der 34-jährige Comiczeichner und Entertainer zu bedenken. "Und eigentlich haben da auch nur zwei Frauen aus Bayern diskutiert. Aber unter unheimlich vielen Pseudonymen." Während er das sagt, posiert er in seiner Wohnung in Berlin-Mitte etwas verkrampft mit Cowboyhut, Gitarre und seinem Bühnenpartner, der Handpuppe "Sharkey", weil er "natürliche Fotos ürgnwie scheiße" findet. "Wer willn noh Natur, jetz ma ehrli!"

Fil, der mit bürgerlichem Namen Phil Tägert heißt, ist nervös. In drei Tagen ist Premiere im Mehringhof-Theater, und bis heute weiß er nicht, was er zwei Stunden lang tun soll. Wann immer etwas dem dunkelhaarigen und tatsächlich ziemlich gut aussehenden Berliner nahe geht, verfällt er in den Slang seiner beiden Comic-Helden, die ihn zu Beginn der Neunziger Jahre bekannt machten: Didi und Stulle, zwei Schweine aus dem Märkischen Viertel, in deren Abenteuern es vorrangig um "korreckte Wiejofilme" geht und das Problem, "dat die janzn Supamodls alle zu schpack sinn. Aussa Pämela Ändersen, faschtehste." Die Zitty, in denen alle zwei Wochen der neueste Strip erscheint, wirbt mittlerweile mit dem Slogan "Die Legende lebt!", und die periodisch veröffentlichten Alben erreichen vierstellige Auflagen.Gerade eben ist der dritte Band "Sie nannten ihn Didi & Stulle" erschienen (Reprodukt Verlag, Berlin 2000. 9,90 Mark).

Bis 1981 hat Fil selbst im Märkischen Viertel gewohnt, recht schlecht seine Schulzeit hinter sich gebracht und danach nur eine rudimentäre Ausbildung genossen. Lehrberuf? "Ich habe mal eine Ausbildung zum Masseur gemacht. Dat war aba nur son Kurzkurs jewesn. Da kannse nur Jesunde mit massian!" Als Fil 14 Jahre alt war, musste er sich einer Operation unterziehen, bei der ihm der Meniskus zu eng zusammengenäht wurde. Ein Jahr lang Bettruhe war die Folge. Währenddessen las er nicht nur alles, was er von seinem Lieblingszeichner "Jacoviti" in die Finger bekommen konnte, sondern begann aus Langeweile selbst mit dem Zeichnen. Bereits 1980 erschienen seine ersten Strips in Fanzines. Und spätestens, seitdem 1990 im Zitty-Verlag der Sammelband "Die ulkigsten Comics von fil" erschien (in dem auch die ersten Abenteuer von Didi und Stulle versammelt waren), hatte er sich einen Namen in der Stadt gemacht.

Fils Bühnenkarriere ergab sich ähnlich unvermittelt. Vor mittlerweile sieben Jahren arbeitete er im Comicladen Grober Unfug in der Zossener Straße, als zwei Frauen aus einem besetzten Haus ihn fragten, ob er eine Lesung seiner Comics machen wollte. Eigentlich fand er die Idee, ausgerechnet Bildgeschichten zu lesen, völlig bescheuert. Doch da ihm eine der Frauen gefiel, sagte er zu. Er schulterte seine Gitarre, spielte selbstgeschriebene Songs und kommentierte dazwischen einige an die Wand geworfene Dias. Unter den Zuschauern befand sich auch die Betreiberin der Scheinbar, die ihn zu einem weiteren Auftritt einlud. An den erinnert sich Fil nur noch mit schmerzverzerrtem Gesicht. Weil er seinen eigenen Texten nicht traute, schob er sich eine Kunstblutkapsel in den Mund und beauftragte einen im Publikum versteckten Freund, ihn mit einer Schreckschusspistole zu erschießen, falls der Abend zu peinlich würde. Irgendwann drückte der Freund tatsächlich ab - direkt neben dem Ohr einer Frau, die gerade eine Trommelfell-Operation überstanden hatte. "War aba jut so", sagt Fil. "Denn wieick dit Tape vom Ufftritt jehört hab, dachtick nur: Kanndohalletnichwahrsein!"

Trotz dieses Desasters wurde er weiter gebucht, bis ihm irgendwann die Scheinbar zu klein wurde. Mit den größeren Sälen wuchs nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern auch die Show. Heute geht Fil quasi unvorbereitet auf die Bühne, im Gepäck nur einige Songs mit Titeln wie "Sandwichkind" oder "Das Ei und die Pfanne" und seine Hai-Handpuppe Sharkey. Sharkey fühlt sich regelmäßig gedemütigt, weil er im Gegensatz zu Fil seine Solo-Nummern vorbereitet hat und auswendig kann; zehnstrophige Lieder über das Mülltrennen oder die - in der Ablage verschwundene - "Akte Dzembritzki". Sein menschlicher Partner muss ihm immer wieder das Wort abschneiden, um das Publikum vor dem Tod durch Langeweile zu retten. Alles andere ergibt sich live auf der Bühne, ähnlich wie bei Helge Schneider. Da das Programm erst nach ungefähr einer Woche mit Auftritten soweit fertig ist, dass die Nummern sich zumindest ähneln, bittet Fil um Gnade für seine Premieren: "Da ist es manchmal gut, dass nur Freunde da sind."

Wenn der Komiker dann aber mal in Schwung gekommen ist, sind der Erkenntnis keine Grenzen mehr gesetzt. Dann enthüllt er, dass H & M nicht etwa eine harmlose Kette von Bekleidungegeschäften ist. Sondern dass die Abkürzung in Wirklichkeit für "Hitler & Mussolini" steht. Die beiden Betreiber - deren Parteien ja bekanntlich schon ganz schön lange verboten sind - versuchen, sich nun die Jugendlichen gefügig zu machen, indem sie die feilgebotenen Kleidungsstücke mit Nazisäure versetzen, "besonders die billigen Pullover, die für neun Mark neunzig, die jeder haben will." Den fehlgeleiteten Kindern bleibt dann nichts anderes übrig, als aktuelle Rammstein-Songs mitzusummen, insbesondere den Chartbreaker "Heidi, heido, alle sagen, wir sind Nazis, dabei machen wir doch nur Popmusik". Sowas sagt uns mehr über die Welt, als Ricky Martin es jeweils können wird. "Ürgnwie jednfallz."

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