Filarmonica della Scala beim Musikfest : Sag niemals Lakonie

Die Filarmonica della Scala gastiert unter Leitung von Riccardo Chailly beim Musikfest.

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Zwischenräume. Riccardo Chailly und der Solist Leonidas Kavakos bei Brahms' Violinkonzert in der Philharmonie. Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT
Zwischenräume. Riccardo Chailly und der Solist Leonidas Kavakos bei Brahms' Violinkonzert in der Philharmonie.Foto: MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Die Musiker der Scala gastieren nicht einfach nur beim Musikfest, sie bringen aus Mailand auch einen besonderen Geist mit. Er verbirgt sich etwa in dem mit rotem Samt umhüllten Podest für den Dirigenten, in einer zweite Harfe, die nur für die Zugabe mitreist und in einem Programm, wie es auch zu Verdis Zeiten hätte aufgeführt werden können. Doch darf man sich von diesen Indizien nicht täuschen lassen: Die lange Zeit von Riccardo Muti und zuletzt von Daniel Barenboim verwaltete Klang-Patina wird neu poliert, seit Riccardo Chailly die musikalische Leitung der Scala und auch ihrer privaten Konzertvereinigung Filarmonica della Scala übernommen hat. Er ist ein Dirigent, der am Amsterdamer Concertgebouw und dem Leipziger Gewandhaus sein Traditionsbewusstsein geschärft und immer wieder hinterfragt hat.

Auch Johannes Brahms’ Violinkonzert kam dabei auf den Prüfstand und erwies sich keineswegs als unzerstörbares Solistenvehikel. Mit Leonidas Kavakos hat Chailly nun einen Musiker auf Tournee eingeladen, dem man keinerlei Starallüren nachsagen kann. Dieser Geiger erzwingt nichts, weshalb sich Abende mit ihm ohne einen Partner, der auch einmal in Vorleistung geht, zäh gestalten können. Dennoch glaubt man Kavakos, der nie nur seinen Part durchdringt, sondern das gesamte Werk.

Dramatik ohne Scheppern

Natürlich ist das auch bei Brahms wunderbar, nur leidet dieser Komponist nicht gerade an Geschwätzigkeit. Chailly hat eher seine Musiker im Blick, lässt Kavakos einen Deut zu stark allein im Rampenlicht der Philharmonie, und dieser antwortet prompt mit weiterem Rückzug – bis zu jenem Punkt, wo das nicht mehr als Innerlichkeit durchgeht, wo der sinnliche Impuls zu vergehen droht. In diesem Grenzbereich könnte man sich doch mehr Leidenschaft und, ja, Lust wünschen, weniger erkaltete Form.

Die zweite Programmhälfte eröffnet mit der Ouvertüre zu Verdis „Les Vêpres siciliennes“, in der die Filarmonica della Scala eine Spielkultur offenbart, die trotz der gern betrauerten Klangglobalisierung keine echten Nachahmer findet. Dramatik ohne Scheppern, knochenhart und federnd. Im Kontrast dazu wirken „Stabat Mater“ und „Te Deum“ aus Verdis Spätwerk „Quattro pezzi sacri“ wie aufgeblasene Lakonie, im Grunde genommen paradox. Für das Berliner Konzert hat der Rundfunkchor die Vokalpartien klangfein einstudiert. Sie so zwingend zu gestalten, dass sich die Ohren für diese Musik neu öffnen, das hätte wohl mehr Probenzeit erfordert.

Dann kommt bei der zugegebenen „Die Macht des Schicksals“-Ouvertüre endlich auch die zweite Harfe zum Einsatz. Wie viel treffsicherer Verdi, der große Fatalist, hier doch zielt.

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