Film : Blick zurück im Zorn

Das Öko-Dokudrama „The Age of Stupid“ spielt in der Zukunft, hält aber der Gesellschaft von heute den Spiegel vor.

Felix Werdermann
Das Dokudrama "The Age of Stupid" spielt im Jahr 2055, doch im Mittelpunkt des Films steht die heutige Gesellschaft. Die Regisseurin Franny Armstron will vor einer riesigen Umweltkatastrophe warnen.
Das Dokudrama "The Age of Stupid" spielt im Jahr 2055, doch im Mittelpunkt des Films steht die heutige Gesellschaft. Die...Foto: dpa

„Willkommen im Archiv der Menschheit!“ 800 Kilometer nördlich von Norwegen ragt ein riesiger Turm aus dem Meer. Hier sitzt ein alter Mann vor dem Computer und schaut Videoclips an. Der Archivar ist der letzte Mensch auf Erden, große Teile des Globus sind unbewohnbar: London ist überflutet, Las Vegas unter Wüstensand begraben. Der Klimawandel ist da.

Das Dokudrama „The Age of Stupid“ spielt im Jahr 2055, doch im Mittelpunkt des Films steht die heutige Gesellschaft. „Was haben wir uns dabei gedacht, uns seelenruhig unser eigenes Grab zu schaufeln?“ Der letzte Mensch (Pete Postlethwaite) sucht nach Antworten, durchforstet alte Fernsehbeiträge, blickt in das Leben von sechs Menschen. Zum Beispiel in das von Jeh Wadia: Der indische Unternehmer gründet eine Fluggesellschaft, seine Ticketpreise ab einer Rupie kann selbst ein Rikscha-Fahrer zahlen – glaubt er. Für ihn ist Billigfliegen ein Beitrag zum Kampf gegen die Armut. An die Klimaerwärmung denkt er nicht.

Ganz anders hält es Piers Guy. Der britische Windanlagenbauer hat ausgerechnet, wie viel Treibhausgase seine Familie verursacht – und verzichtet seitdem aufs Fliegen. Er plagt sich mit den Bürgern Cornwalls, wo das Nimby-Prinzip regiert: Not in my backyard. Klimaschutz ja – aber bitte ohne diese riesigen Windräder in unserer Region.

Es sind wahre Geschichten, die Regisseurin Franny Armstrong dokumentiert: Wie ein Shell-Mitarbeiter nach dem Hurrikan Katrina 100 Menschen das Leben rettet. Wie eine Ärztin in Nigeria unter den Machenschaften des Öl-Konzerns leidet. Wie ein irakisches Flüchtlingsmädchen mit Kriegsfolgen zu kämpfen hat. Wie ein Bergführer aus Frankreich mit ansieht, wie die Gletscher schwinden.

Der Archivar der Menschheit – die fiktive Figur wurde nachträglich in den Film eingefügt – soll die Geschichten zusammenhalten. Dennoch bleibt der rote Faden zuweilen recht dünn. Auch eine stärkere Zuspitzung auf die Kernfrage hätte nicht geschadet: Warum tun wir nichts gegen die Klimakatastrophe?

Die Macher des Films wollen in jeder Hinsicht anders sein: Über 200 Gruppen und Einzelpersonen haben die Dokumentation finanziert – vor allem um die Idee zu unterstützen, glaubt Produzentin Lizzie Gillett. Während der Dreharbeiten wurden gerade mal 95 Kilogramm CO2 ausgestoßen, sagt sie. Das entspricht in etwa der jährlichen Emission von neun Bundesbürgern.

Filmkunst 66

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