Film : Das unbestechliche Auge

Zum Tod des großen französischen Filmemachers Claude Miller.

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Regisseur der Frauen. Claude Miller starb mit 70 Jahren in Paris.
Regisseur der Frauen. Claude Miller starb mit 70 Jahren in Paris.Foto: AFP

Er hat Charlotte Gainsbourg ihre erste große Rolle gegeben, 1985. Da war sie 14 und machte als „Das freche Mädchen“ Furore. 1988 arbeiteten die beiden wieder zusammen. Das Drehbuch zu „Die kleine Diebin“ hatte François Truffaut noch verfasst, nach dessen Tod übernahm Claude Miller die Regie: Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung, Coming-ofAge wider alle Regeln des bürgerlichen Anstands. Es war das erste Mal, dass Gainsbourg Tabugrenzen verletzte, solche Frauen spielt sie seitdem immer wieder, zuletzt bei Lars von Trier.

Claude Miller drehte auch mit MiouMiou, Isabelle Adjani, Cécile de France, Sandrine Kiberlain, Ludivine Sagnier, Audrey Tautou – und mit Romy Schneider. Im Krimi-Kammerspiel „Das Verhör“ (1980) hat Schneider einen unvergesslichen Auftritt als Ehefrau des Zeugen, eines Notars (Michel Serrault), den Lino Ventura eine lange Nacht lang so unerbittlich befragt, bis klar wird, der Zeuge ist womöglich der Mädchenmörder. Und dann belastet ihn seine Ehefrau mit gleich doppelt dramatischen Folgen.

16 Filme hat der französische Regisseur Claude Miller realisiert, er war der Tiefenpsychologe unter Frankreichs Autorenfilmern, ein Meister des minutiösen Mienenspiels. Einer, der die Komödienwelle nicht mitmachte (obwohl „Das freche Mädchen“ großes Kinovergnügen bereitet), der nicht kalt, aber ungeheuer präzise mit der Kamera verfolgte, welches Unglück die Menschen einander bereiten auf der Suche nach Glück, nach Nähe, nach Wahrheit. So bringt das detektivische „Verhör“ am Ende vor allem eine Ehetragödie zum Vorschein.

Millers Filme: Seelenthriller, die verbotenes Begehren aufblitzen lassen. Seine Heldinnen: Frauen mit hoher krimineller Energie, sie schwindeln, stehlen, töten Männer – wie Isabelle Adjani in „Das Auge“ (1983), Millers vielleicht bedeutendstem Film. Die Männer: zutiefst melancholisch. In „Das Auge“ spielt Serrault den Detektiv, der der Mörderin hinterherreist. Ihr Geheimnis ist seine Faszination; er stellt ihr nach, eine Art Liebesbeweis.

1942 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, sagte Claude Miller später, er sei ein extrem ängstliches Kind gewesen. Seine Eltern hatten ihm eingeschärft, er solle niemandem verraten, dass er Jude sei. In „Ein Geheimnis“ von 2007 (nach dem Roman des Psychoanalytikers Philippe Grimbert) griff er das Thema auf: Ein Junge erfährt nach dem Zweiten Weltkrieg, dass er jüdischer Herkunft ist. Miller studierte an der renommierten Filmschule IDHEC und machte mit der Nouvelle Vague Karriere, zunächst als Regieassistent von Marcel Carné und Godard sowie als Truffauts Produktionsleiter, bis er 1976 mit „Unser Weg ist der beste“ sein Regiedebüt gab.

„Trauertag. Claude Miller ist tot“, twitterten jetzt die Filmfestspiele von Cannes, wo er 1998 für „Die Klassenfahrt“ die Goldene Palme gewonnen hat. Am Mittwoch ist der europäische Ausnahmeregisseur Claude Miller nach schwerer Krankheit gestorben. Zuletzt hatte er an der Verfilmung eines Romans von François Mauriac gearbeitet. Christiane Peitz

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