Film : Der gute Deutsche von Nanjing

Vor 70 Jahren rettete John Rabe 200.000 Chinesen. Jetzt wird seine Heldentat verfilmt – ein Drehbericht.

Tukur
Letzte Hoffnung. Ulrich Tukur als "Oskar Schindler Chinas" -Foto: majestic

Von Till FähndersHeiligabend vor 70 Jahren. Der Hamburger Kaufmann John Rabe betritt ein Krankenhaus der ostchinesischen Stadt Nanjing (Nanking). In seinem Tagebuch berichtet er später von dem Schrecken, der ihm dort begegnet, von der Chinesin mit den Bajonettwunden im Gesicht, die ein totes Kind zur Welt gebracht hat, von den Leichen im Keller: ein „Zivilist“ mit ausgebrannten Augen, ein kleiner Junge „von etwa sieben Jahren“, in dessen Magen eine fingerlange Wunde klafft.

„Ich habe in der letzten Woche so viele Leichen ansehen müssen, dass ich selbst beim Anblick dieser entsetzlichen Fälle noch meine Nerven in Schach halte“, notiert der Deutsche. Der 55-jährige Repräsentant des Siemens-Konzerns erlebt, wie beim „Massaker von Nanjing“ japanische Soldaten sieben Wochen lang nach chinesischen Angaben mehr als 300 000 Menschen hinrichten. Zahllose Frauen werden vergewaltigt. Rabe: „Derartige Grausamkeiten dürfen nicht verschwiegen werden.“

China gedenkt dieser Tage des nationalen Traumas, das bis heute die Beziehungen zum Nachbarn Japan belastet. Dabei geht es auch um John Rabe. Denn der Kaufmann ist nicht bloß hilfloser Beobachter. Als Vorsitzender eines internationalen Komitees rettet er mehr als 200 000 Chinesen das Leben. Eine Gruppe von Ausländern richtet unter seiner Führung eine vier Quadratkilometer große Schutzzone für Flüchtlinge ein. Über 600 Menschen kommen allein auf seinem Grundstück unter.

In Deutschland war der „gute Deutschen von Nanjing“ lange vergessen. Bis Ende Januar dreht nun ein deutsch-chinesisches Team die Geschehnisse aus dem Winter 1937 für einen 15 Millionen Euro teuren Kinofilm nach – an Originalschauplätzen in Nanjing und in der Metropole Schanghai. Für die Dreharbeiten mieteten die Filmleute dort ein altes Kolonialgebäude in der ehemaligen „Französischen Konzession“. Im ersten Stock schreitet der Hamburger Schauspieler Ulrich Tukur im Frack über das Holzparkett. Eine Nebelmaschine bläst kalten Dunst für Lichteffekte in den Ballsaal.

Tukur mit Brühl, Manzel, John und Buscemi

Tukur ist im Film John Rabe. In der Mitte des Saals steht er mit Glatze, Nickelbrille und schmalem Schnurrbart kostümiert in steifer Haltung da. Mit silbernem Kaffeelöffel tickt er gegen ein Champagnerglas. „Ich lebe seit 27 Jahren in China“, beginnt er seine Ansprache. Doch der Redner wird jäh unterbrochen. Ein Knall, ein Blitz, ein Kronleuchter fällt und zerschellt auf dem Parkett. Statisten und Schauspieler rennen panisch Richtung Ausgang. Eine Chinesin stolpert und schlägt sich das Bein blutig.

Der inszenierte Bombenangriff markiert den Einbruch des japanisch-chinesischen Krieges in Nanjing. John Rabe sieht zu, wie die Stadt niedergebrannt wird. Dann beginnt das entfesselte Morden der Soldaten. „Alle 100 bis 200 Meter stießen wir auf Leichen“, schreibt Rabe am 13. Dezember, als die Übergriffe durch die japanischen Truppen beginnen. Da sind die meisten Ausländer längst geflüchtet. Rabe bleibt, weil er sich für seine chinesischen Angestellten verantwortlich fühlt. „Ich bereue nicht, dass ich hier blieb, denn meine Gegenwart hat viele Menschenleben gerettet.“

Rabes Zeitzeugenbericht wurde vor zehn Jahren erstmals öffentlich, als Erwin Wickert, ehemaliger Botschafter in China und Vater Ulrich Wickerts, die Tagebücher unter dem Titel „Der gute Deutsche von Nanking“ herausbrachte. Der Spielfilm erzählt die Ereignisse nach dieser Vorlage. Neben Ulrich Tukur sind Daniel Brühl, Dagmar Manzel, Gottfried John und der Amerikaner Steve Buscemi dabei. Regie führt der 35-jährige Florian Gallenberger, der 2001 mit „Quiero ser“ den Kurzfilm-Oscar gewann.

Es ist eine der größten deutschen Produktionen des Jahres und die bisher größte deutsch-chinesische Koproduktion eines Films. Rund 40 Schauspieler und Mitarbeiter sind für die Dreharbeiten aus Deutschland, Frankreich, den USA und Japan nach Schanghai gereist. Im Garten der Villa stehen die Wohnmobile der Hauptdarsteller, dahinter lassen Chinesen Drachen in den Himmel steigen.

John Rabe war NSDAP-Mitglied

Ulrich Tukur ist vor allem von der „Widersprüchlichkeit“ der Hauptfigur fasziniert. „Rabe hatte diese europäische, etwas arrogante, eitle Kolonialattitüde“, sagt er beim Gespräch in seinem Wohnwagen. Trotz seiner fast drei Jahrzehnte in China habe Rabe kaum ein Wort Chinesisch gekonnt. Auf die Chinesen schaute er herab wie auf ein „tölpelhaftes Bauernvolk“. John Rabe war auch NSDAP-Mitglied und verehrte Adolf Hitler.

Aber die Geschichte spielte dem Geschäftsmann eine andere Rolle zu: „Da wächst er über sich hinaus und wird zu einem richtig anständigen großen Menschen, einem Humanisten“, erklärt Tukur. Der „Oskar Schindler Chinas“ war Gefolgsmann deutscher Täter und gleichzeitig Retter tausender chinesischer Opfer. Seine guten Beziehungen in die Heimat nutzt er sogar, um Menschen vor den Japanern zu schützen. Dabei waren das Nazideutschland und das japanische Kaiserreich damals Verbündete.

Die Japaner respektierten die Schutzzone, weil dem Deutschen Verbindungen zu hohen Nazigrößen nachgesagt wurden. Hinter seinem Haus spannte Rabe während der Luftangriffe eine riesige Hakenkreuzfahne auf, unter der verfolgte Chinesen Zuflucht fanden. Der Platz galt laut Rabe als „bombensicher“. „Die Moral der Geschichte ist, dass die Dinge eben nicht so einfach sind“, sagt Florian Gallenberger.

Von seinem Glauben an das NS-Regime fiel Rabe allerdings bald ab. Der Auslandsdeutsche, der das „Dritte Reich“ nur aus der Ferne kannte, drängte Hitler bei seiner Rückkehr nach Deutschland vergeblich, die Japaner zur Beendigung ihrer Kriegsverbrechen zu bewegen. Stattdessen wurde er deshalb von der Gestapo festgenommen und mit Redeverbot belegt.

Ein Stoff voller Fallstricke

Es ist ein Stoff voller Fallstricke, an den sich Gallenberger in seinem zweiten Langspielfilm nach „Schatten der Zeit“ (2005) wagt. Es droht der Vorwurf der Verharmlosung von NS-Biografien oder auch jener antijapanischer Propaganda. Das Produktionsteam kämpft außerdem mit den Hürden des Filmemachens in China. So musste das Drehbuch für die chinesische Filmversion an die Wünsche der Pekinger Zensurbehörde angepasst werden. Hinzu kommt das mitunter kuriose Verständnis von Zeitgeschichte – etwa bei der Ausstattung, für die der chinesische Produktionspartner zuständig ist. „Wenn man um altes Geschirr bittet, kommen dann plötzlich Ikea-Teller“, sagt Daniel Brühl, der einen Diplomaten jüdischer Herkunft spielt.

Im Schanghaier Ballsaal sind beim Dreh dann doch mehrere Tafeln mit alten Tellern dekoriert. Ein Chinese nimmt verwundert eine von drei Gabeln in die Hand, die neben dem Porzellan liegen: „So viel Besteck!“ Es riecht nach den Zigarren, die Statisten für die Aufnahmen rauchen müssen. Eine chinesische Tanzkapelle spielt lautlos zum Playback. Laiendarsteller bewegen sich im Rumba-Rhythmus – die überwiegend europäischen Männer im Frack, die Frauen in Dreißiger-Jahre-Kleidern und mit hochgesteckten Frisuren.

Plötzlich verstummt die Musik. Die Tänzer drehen sich zu einem uniformierten Chinesen um, der mit schweren Stiefeln in den Saal tritt – er stellt den „Generalissimus“ Chiang Kai-shek dar, der die Nationalregierung in Nanjing führte. Der Schauspieler spricht zu Tukur: „Ich erkläre Sie zu einem Helden des chinesischen Volkes und überreiche Ihnen den Jade-Orden.“

Den Orden bekommt Rabe für seine Arbeit als Geschäftsmann in China, nicht für seine späteren Heldentaten. Die Ballszene liegt chronologisch vor dem Beginn des Massakers. Eine offizielle Ehrung für die Rettung tausender Chinesen blieb dem Deutschen zu Lebzeiten verwehrt. Er erlag 1950, verarmt, einem Schlaganfall – in Berlin.

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