Film : „Ein Mensch? Beinah ein Vieh“

Wie der bullig-wuchtige Darsteller Emil Jannings zum ersten deutschen Weltstar aufstieg. Er konnte Preisboxer verkörpern, zugleich kannte er sich in der Welt von Aristophanes und Shakespeare aus, in der Welt von Goethe, Strindberg, Hauptmann und Wedekind.

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Tragödie eines lächerlichen Mannes. Emil Jannings 1929 mit Marlene Dietrich (oben) in „Der blaue Engel“.
Tragödie eines lächerlichen Mannes. Emil Jannings 1929 mit Marlene Dietrich (oben) in „Der blaue Engel“.Foto: Röhnert / Keystone

Der erste deutsche Hollywoodstar war ein Hund. Ein US-Soldat hatte ihn 1918, in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs, an sich genommen und sein mimisches Talent entdeckt. Unter dem Namen Rin-Tin-Tin verdiente der hochbegabte Vierbeiner bald 1000 Dollar pro Film. Für deutsche Zweibeiner war es in jenen Jahren unmöglich, die Herzen des internationalen Publikums zu erobern. Schauspieler mit deutsch klingenden Namen wie Gustav von Seyffertitz oder Erich von Stroheim – Spitzname: „The Man You Love to Hate“ – wurden in Hollywood auf die Rolle des sadistischen Hunnen festgelegt, der Frauen vergewaltigt und Kinder erschießt.

Moralisch diskreditiert und finanziell am Ende, kämpften Deutschland und seine Filmindustrie ums nackte Überleben. Kaum jemand dachte an so etwas Frivoles wie eine internationale Karriere. Doch nach der Uraufführung von „Madame Dubarry“ am 19. September 1919 kamen die Verantwortlichen der Universum-Film AG (UFA) auf eine bahnbrechende Idee. Sie beschlossen, das Werk unter Leugnung des Herstellungslandes zu exportieren. In „Power“ umbenannt, hatte „Madame Dubarry“ am 12. Dezember 1920 in New York Premiere. Als Regisseur wurde ein Emile Subitch angegeben, der nach verschiedenen Quellen Franzose oder Pole war. In Paris lief „Madame Dubarry“ als das Werk eines Österreichers, in London als das eines Schweizers.

Wo immer der Film herkommen mochte, Publikum und Kritiker wollten mehr von seinen Beteiligten sehen. Emile Subitch durfte bald unter seinem richtigen Namen Ernst Lubitsch in Hollywood arbeiten. Seine Hauptdarstellerin Pola Negri hatte als Polin ohnehin keine Probleme, von ihren Partnern konnte Harry Liedtke mit seinem jungenhaften Charme das Bild des hässlichen Deutschen korrigieren. Aber nicht um ihn warb die amerikanische Filmindustrie, sondern um den bullig-brutalen Darsteller des Königs Ludwig XV.: Emil Jannings.

Als am 19. Juni 1921 im Berliner Hotel Adlon ein deutsch-amerikanisches Freundschaftstreffen stattfand, gehörte er zu den Gästen. Lange bevor die Paramount ihn unter Vertrag nahm, brachte sie seine Filme „Die Augen der Mumie Ma“, „Anna Boleyn“ und „Das Weib des Pharao“ heraus. Hier mag noch der Name Lubitsch gezogen haben, aber andere US-Verleiher zeigten „Danton“, „Vendetta“, „Othello“ und „Peter der Große“, und das waren keine Lubitsch-Inszenierungen, ihre einzige Attraktion war der Name Jannings.

Worin bestand sein Reiz? Jannings sah nicht wie ein Filmstar aus. Derb wirkte er, und die Kritiker wählten eine derbe Sprache, um ihn zu charakterisieren. Ein „massiger Bursch“ sei er, „wie aus Speck modelliert, breitbeinig, ungeschlacht. Ein Mensch? Beinahe ein Vieh“. Für Willy Haas war er ein „menschgewordener Rülps, ein einziger, gesunder, unanständiger Rülpser“. Den von Hunger und Armut gezeichneten Deutschen machte Jannings wahrscheinlich Mut, er strahlte Gesundheit und Optimismus aus.

Was aber hat die Amerikaner so sehr an ihm fasziniert, dass sie ihn 1926 wie einen König empfangen und ihm 1929 den ersten Oscar verliehen haben? In Hollywood gab es bereits – als Alternative zum romantischen Liebhaber, zum Actionhelden und zum infantilen Komiker – bullige, grobschlächtige Darsteller, die das wahre, ungeschminkte Leben verkörpern. Das waren ehemalige Preisboxer wie Wallace Beery und Victor McLaglen, die in ihren Rollen authentisch wirkten, doch ihnen fehlte Jannings’ unter Max Reinhardt erworbenes Bühnenrepertoire. Jannings konnte Preisboxer verkörpern, zugleich kannte er sich in der Welt von Aristophanes und Shakespeare aus, in der Welt von Goethe, Strindberg, Hauptmann und Wedekind. Er überzeugte als Pharao und Kaiser Nero, als Industrieller, kleinbürgerlicher Lehrer und Zuhälter, konnte aggressiv-körperlich auftreten, bei Bedarf auch körperlos-vergeistigt.

Nach der gängigen Vorstellung steht der Star für die Kasse und der Charakterdarsteller für die Kunst. Der Star muss kein überragendes schauspielerisches Talent besitzen, er muss nur gut oder wenigstens markant aussehen und den Zuschauern als Projektionsfläche dienen. Das Massenpublikum geht nicht ins Kino, um Schauspielkunst zu bewundern. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Lücke, die Jannings nach seinem Weggang aus Hollywood hinterlassen hat, wurde kurzzeitig von Charles Laughton gefüllt, später von Rod Steiger. Auch ein paar Frauen, Bette Davis oder Meryl Streep, sind als Verwandlungskünstlerinnen erfolgreich gewesen. Nur wenige konnten diese Stellung halten: Man bedenke nur, wie früh sich Robert De Niro mit Gastrollen abgeben musste.

Jannings wird gern als Tonfilmopfer betrachtet, als einer, der sich in Hollywood nicht halten konnte, weil er die englische Sprache nur notdürftig bewältigte. Doch aus seinen Briefen aus der Zeit geht hervor, dass er die drei Jahre als Paramount-Star immer nur als Gastspiel verstanden hat und weiterhin entschlossen war, den deutschen Film mitzugestalten. Sein Comeback in Deutschland und zugleich sein erster Tonfilm, Josef von Sternbergs „Der blaue Engel“, ist ihm total entglitten, darin sind sich alle Historiker einig. Aus dem Jannings-Film wurde ein Marlene-Dietrich-Film. Als verklemmter Professor Rath, der einer unwiderstehlichen Tingeltangel-Sängerin verfällt, musste Jannings gegen seine „saftige“ – das am häufigsten für ihn gebrauchte Adjektiv – Natur anspielen. Aber „Der blaue Engel“ hat Jannings’ Ruf nicht geschadet, die Kritiken waren wie immer euphorisch, nur gab es bei ihm nichts mehr zu entdecken, wie bei der Dietrich. Er hatte seinen Zenit überschritten.

Auch seine Bereitschaft, während der NS-Zeit in „staatspolitisch wertvollen“ Filmen große Deutsche wie Robert Koch und Bismarck zu verkörpern, bis hin zu seiner Verantwortung als Produzent und Hauptdarsteller für den antibritischen Propagandafilm „Ohm Krüger“, der Konzentrationslager als britische Erfindung darstellt, kann nicht seinen drastisch verringerten Bekanntheitsgrad erklären. Eine Karriere im Dritten Reich gilt als Makel, aber sie führt nicht zur Vergessenheit, ganz im Gegenteil: „Denn auch ein schlechter Ruf verpflichtet, Yes Sir!“, wusste schon Zarah Leander.

Dass der 1950 verstorbene Emil Jannings, Star von Stummfilmklassikern wie „Der letzte Mann“ und „Faust“, inzwischen nur noch als kauziger Partner von Marlene Dietrich bekannt ist, liegt wohl eher an einem generellen Desinteresse an der Schauspielkunst früherer Epochen. Zu seinem Glück hat er mit den besten Regisseuren seiner Zeit gearbeitet: mit Lubitsch, Murnau, Josef von Sternberg, Robert Siodmak. Die gefühlte Hälfte des Filmkanons der Weimarer Republik besteht aus Filmen mit Jannings. Solange sie gezeigt werden, ist auch ihr Star nicht ganz vergessen.

Frank Noack hat soeben die Biografie „Emil Jannings. Der erste deutsche Weltstar“ veröffentlicht, Collection Rolf Heyne, München 2012, 560 S., 29,90 €.

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