Film : Ein Quantum Zeit

Countdown auf dem Unterarm: Wie viele Tage hast du noch? In Andrew Niccols Science-Fiction-Thriller „In Time“ rennt Justin Timberlake gegen die Uhr um sein Leben.

Julian Hanich
Auf der Jagd, auf der Flucht. Will (Justin Timberlake) und Sylvia (Amanda Seyfried). Foto Fox
Auf der Jagd, auf der Flucht. Will (Justin Timberlake) und Sylvia (Amanda Seyfried). Foto Fox

Der Countdown läuft. Und läuft. Und läuft. In der Zukunft trägt jeder eine grüne Leuchtzahl auf dem Unterarm, die stetig kleiner wird. Sie ist untrügliches Zeichen der Zeit: Das Leben zerrinnt. Zwar verändert sich das Aussehen der Menschen ab ihrem 25. Geburtstag nicht mehr, weshalb hier alle tipptopp jung aussehen. Doch dieser Tag ist zugleich der Augenblick, von dem an nur noch ein Jahr bis zum tödlichen Nullpunkt bleibt – es sei denn, die Mittzwanziger buchen rechtzeitig neue Zeit auf ihr Lebenskonto.

Dieser Ausgangspunkt für „In Time“ erinnert stimmig an frühere Arbeiten von Andrew Niccol – etwa an sein Drehbuch für „The Truman Show“. Und vor allem an sein Regiedebüt „Gattaca“, einen der besten Science-Fiction-Filme der neunziger Jahre: Erneut entwirft Niccol hier ein Szenario von der Perfektionierung des Menschen und fragt, welche Kosten dabei entstehen.

Die Antwort macht wenig Vorfreude auf diese Welt. Die Gesellschaft zerfällt in Arm und Reich, und die Klassenfrage stellt sich drängender denn je. In den Städten herrscht knallharte Segregation: Zeitzonen zergliedern sie nach Wohlstand. Durch die Straßen der zeitlosen Armenviertel ziehen Gangsterhorden: „Time bandits“, die den Leuten die verbliebene Lebenszeit abzapfen. Im Reichenviertel New Greenwich schleudern die Superwohlhabenden hingegen die Zeit zum Fenster raus. Doch auch hier ist nicht alles Zeit, was glänzt. Die Superreichen mögen ihre Körper konservieren – im Geist altern auch sie. Ähnlich wie Vampire scheinen sie gefangen in der eigenen Quasi-Unsterblichkeit. Das kann zu Melancholie führen und Lebensüberdruss.

Will Salas (Justin Timberlake), ein Fabrikarbeiter im Ghetto, bekommt eines Nachts von einem gut aussehenden Fremden im Schlaf einen Riesenbatzen Zeit geschenkt. Als er dem Mann hinterhereilt und ihn zur Rede stellen will, sieht er ihn von einer Brücke stürzen: ein Selbstmörder, der buchstäblich seine Zeit totschlägt. Weil Salas dabei von einer Kamera aufgezeichnet wird, hat er bald den bissigen Polizisten Raymond Leon (Cillian Murphy) am Hals.

Salas bricht auf in die fremde Welt der Reichen. Er durchquert die Zeitzonen bis hinein nach New Greenwich, wo er auf den Ausbeuterkapitalisten Philippe Weis (Vincent Kartheiser) und dessen schöne Tochter Sylvia (Amanda Seyfried) trifft. Natürlich verlieben sich Salas und Sylvia. Und natürlich begehrt der Untertan auf. Salas wird zum barmherzigen Samariter, zum St. Martin, zum Robin Hood: ein guter Zeitgeist, der seinen verarmten Mitmenschen Wochen, Monate, Jahre schenkt. Das passt den Vertretern des Machtsystems nicht. Ein Katz-und-MausSpiel beginnt, was zur Wiederholung des immer gleichen Suspense-Szenarios führt: Zwei Menschen rennen aufeinander zu, um sich in letzter Sekunde ein Quantum Überlebenszeit zu spenden.

„In Time“ spielt in einer merkwürdig anachronistischen Welt. Durch die Straßen gleiten Autos, die aussehen wie in den siebziger Jahren. Mobiltelefone gibt es keine, dafür hängen überall hochmoderne Überwachungskameras. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft hat sich aufgelöst. Stattdessen schuften Menschen wieder in Fabriken wie im tiefsten Industriezeitalter, während die Oberschicht sich benimmt wie die leisure class des 19. Jahrhunderts. Sieht so die Zukunft aus? Problematischer ist Niccols Hang, sein sentimentales Zukunftsmärchen überdeutlich auszubuchstabieren. Deshalb lässt er die Darsteller mit theatralischer Mimik spielen, während sie blecherne B-Picture-Dialoge aufsagen. Deshalb stellt er überall Zeit-Symbole auf. Deshalb tragen Figuren die Namen von Uhrenherstellern.

Dabei hat er eigentlich ein paar schöne Ideen. So lässt sich etwa an Will Salas’ beinahe perfektem Justin-TimberlakeKörper die Milieuherkunft am Habitus ablesen: Die Arbeiterklasse macht alles ein wenig zu schnell. Klar, wem die Zeit davonläuft, der hat keine Zeit zu verlieren.

In 17 Kinos; Originalversion im Cinestar SonyCenter

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