Film-Installation "Suspension of Disbelief" : Wahrheit ist relativ

Was treibt eigentlich eine Kamera so nach Drehschluss? Elín Hansdóttir spielt in ihrer Filminstallation "Suspension of Disblief" mit Realitätssinn und Perspektive. Zu sehen in den KunstWerken Berlin.

Jens Hinrichsen
Elín Hansdóttir: Suspendion of Disbelief, 2015, Videostill. Foto: Courtesy Elín Hansdóttir und/and i8 Gallery, Reykjavik
Elín Hansdóttir: Suspendion of Disbelief, 2015, Videostill.Foto: Courtesy Elín Hansdóttir und/and i8 Gallery, Reykjavik

Ein Tintenstrahldruck gibt die Richtung vor – nach innen. Das zweigeteilte Querformat „Stream“ von Elín Hansdóttir zeigt rechts ein fotografiertes Auge, so verdreht, dass man nur das Weiße sieht. Als könnten unsere Hirngespinste durch die Pupille gehen und sich auf der Netzhaut abbilden. Weil das bei den Fantasien des Kinos tatsächlich so funktioniert, besteht das linke Bildquadrat aus Chromagreen, der Farbe moderner Traumfabriken. Bei Trickszenen agieren Darsteller vor diesem Grün, das später durch Computerbilder oder separat gefilmte Einstellungen ersetzt wird.

Eigens für die Berliner KunstWerke hat die 1980 in Reykjavík geborene Isländerin die großartige Installation „Suspension of Disbelief“ geschaffen. Der Satz des britischen Philosophen Samuel Taylor Coleridge bezieht sich auf die Bereitschaft des Publikums, sich auf eine Fiktion einzulassen. Wenn das Kino wirklich gut lügt, kaufen wir ihm jeden faulen Leinwandzauber ab.

Hier in den KunstWerken ist es anders: Die Bauteile der Fälschung sind im ersten Stock ausgebreitet, aber der Betrachter kann die Illusion nur selbst und mit Mühe herstellen. Hansdóttir zwingt uns einen permanenten Perspektivwechsel auf, bringt unseren Realitätssinn aus der Balance, bis nur noch eine Gewissheit bleibt: Wahrheit ist relativ.

Hansdóttir macht die Kamera zum Protagonisten

Der erste Teil der Ausstellung besteht aus einem Filmset. Wände mit Fensterausschnitten, ein Teppich. Glasplatten hängen im Raum, darauf sind falsche Wände, Säulen, virtuelle Gegenstände aufgemalt. Im Effektkino wurde Glasmalerei spätestens Ende des 20. Jahrhunderts von der Computergrafik verdrängt. Um die Illusion eines weit in die Raumtiefe führenden Säulengangs nachzuvollziehen – ein paar echte Pfeiler werden von diversen gemalten ergänzt – oder der Vorstellung, die Füße eines Riesen blockierten den Ausstellungsraum, zückt man am besten das Fotohandy. „Was die Kamera sieht, können wir eigentlich nicht sehen“, sagt die Künstlerin, und das klingt, als hielte sie die Apparatur für ein eigenständiges Wesen.

Bereits hier unten erklingt ein Soundtrack (Komposition: Úlfur Hansson), dessen Sinn sich erst erschließt, wenn man den Film im Dunkelraum der zweiten Etage ansieht. Auf der Leinwand ist das unten aufgebaute Filmset zu sehen. Mitunter streift eine Darstellerin durch die Kulissen. Nur für Momente lässt Hansdóttir die Illusionsbilder stehen, dann wieder zerstört die unruhige Kamera den Trick. Die Kamera wird zum heimlichen Protagonisten: Sie kann sich offenbar nicht entscheiden, ob sie uns hinters Licht führen oder aufklären will.

Irgendwann lässt sie uns links liegen, dann sieht es so aus, als würde sie sich nachts zu zittrig-aufgeregten Streifzügen durch das Filmatelier aufmachen. Wissen wir denn, was so eine Kamera nach Drehschluss treibt?

Bis 25. Mai, Mi–Mo 12–19, Do 12–21 Uhr

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