Kultur : Film: Ivar, der Schreckliche

Silvia Hallensleben

Es ist eine oft beklagte Tatsache, dass deutsche Dokumentarfilme ihre Stoffe gerne ganz weit draußen suchen, in Kuba, Czernowitz oder Mexiko. Auch dieser Film führt uns in eine fremde Welt, nach Moskau. Doch dort lässt er uns alte Bekannte wiedertreffen: Ivar und Klippan, Billy und Faktum.

In der Ersatzteilabteilung von Ikea in Berlin-Ruhleben haben Ulf und Manuela sich kennen gelernt, brave Angestellte, doch Abenteurer auch. Erstmal in der Liebe: Denn Ulf und Manuela (er West, sie Ost) haben beide ihre Familien verlassen, wenige Tage nur nach dem ersten Kuss. Sie werden zu Pionieren der westöstlichen Kulturvermittlung: Gemeinsam gehen sie nach Moskau, um dort als Vorhut der weltweiten Ikea-Familie die erste russische Filiale des schwedischen Möbelhauses aufzubauen, die weltweit 153te.

Dokumentarfilmer Michael Chauvistré (zuletzt: "Schau mich nicht so böse an" über studentische Weihnachtsmänner in Berlin) hat die beiden und ihre Aufbauarbeit porträtiert. Im Zentrum steht der Eröffnungstag des Hauses, zu dem sogar Ikea-Gründer Ingvar Kamprad persönlich angereist ist. Werden Kunden kommen? Wie viele? Noch wird mit Lieferanten um ausstehende Ware gefochten. Dann sind die Tore geöffnet. Und schon bald kann das Personal gar nicht genug Flickenteppiche und Klappstühle nachschaufeln. Während auf dem Vorplatz die Besucherströme per Megafon gesteuert werden, herrscht im Hinterland logistischer Ausnahmezustand - und irgendwann Kapitulation: "In 50 Sekunden sind die Bleistifte alle". 37 000 Besucher: Auch für das Filmteam muss diese Stampede eine Herausforderung ersten Grades gewesen sein.

Die Moskowiter sind begierig auf die Waren aus dem Westen. Ein älterer Herr klopft ein Billig-Regal fachmännisch auf Qualität ab. Ein junges Paar hat eine große Japan-Lampe erworben, die nun wie ein gestrandeter Fesselballon in der Neubau-Wohnung hängt. Eine Dame hat ihr altes Sofa schon verkauft, als sie erfährt, dass ihr Traumsofa noch nicht lieferbar ist. Doch es gibt auch die Armen, die Gratistee schlürfen und Verschwörung wittern, weil sie in der Tombola leer ausgehen. Schöne neue Welt, auf ein paar 100 Quadratmeter verdichtet.

Wer endlich all das über Ikea zu erfahren hoffte, was er sich schon immer gefragt hat, wird enttäuscht sein: Über das betriebliche Innenleben des Möbelhauses erzählt der Film wenig. Dafür widmet er sich dem Privatleben der Protagonisten mit dem fremdelnden pubertierenden Sohn und den in Deutschland zurückgebliebenen Töchtern. Diese Dominanz der Liebesgeschichte ist wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass der Film als Teil der Programm-Reihe "Ostwind" für das "Kleine Fernsehspiel" entstanden ist. Und das TV-Publikum, so denkt man wohl, will erstmal Emotionen.

"Mit Ikea nach Moskau" ist zunächst ein Film über Manuela und Ulf. Aber er zeigt dann doch einiges über die bunte Konsumwelt. Kannten Sie schon das Ikea-Lied, das aus einem zur Gitarre wiederholten "Wir sind Ikea"-Ruf besteht? So sieht sie aus, die exotische Welt des unmöglichen Möbelhauses vor unserer Haustür. Oder sind wir schon drinnen?

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