• Film mit dramatischem Potenzial: „How I Ended This Summer“ - Preisträger und Zuschauerliebling

Film mit dramatischem Potenzial : „How I Ended This Summer“ - Preisträger und Zuschauerliebling

Männerduell in der Arktis unter der kalten Mitternachtssonne – Alexei Popogrebskys inszeniert majestätische Ödnis am Weltenende. Hollywoodfernes Kino in Höchstform.

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Foto: Fugu Filmverleih

Auf der Zuschauerrichterskala der amerikanischen Netz-Bibel www.imdb.com erreicht „How I Ended This Summer“ die Ziffer 7,1 auf dem bis 10 reichenden Begeisterungsindex. Kein schlechter Wert, wenn man bedenkt, dass der Film in den USA nur 8000 Dollar einspielte, bevor er im Februar nach zwei Wochen Spieldauer von den Leinwänden verschwand. Genauer: von jener Leinwand, auf der die einzige Kopie dieses höchst ungewöhnlichen Spielfilms eingesetzt wurde – und da sind 8000 Dollar Erlös fast schon wieder sensationell.

Weiter weg von Hollywood könnte Alexei Popogrebskys Film gar nicht sein. Dabei ist der Film Hollywood geografisch näher als das Hollywood so gewogene Europa. Man muss nur an der amerikanischen Westküste bis Alaska reisen und übers Polarmeer in die russische Provinz Chukotka übersetzen – schon ist man da: in der Wetterstation Archym, von der aus die Meteorologen Sergei (Sergei Puskepalis) und Pavel (Grigory Dobrygin) alle paar Stunden Radioaktivitätsdaten von Isotopen-Generatoren an eine ferne Basisstation namens „Fairy“ funken.

Sergei und Pavel, das muss dem Zuschauer genügen, 129 Filmminuten lang. Kein menschliches Lebewesen sonst in der majestätischen Ödnis am nordöstlichen Rand der eurasischen Landmasse, einer Ödnis aus Steppe und schwarzem Schotterfels, der steil zum Meer abfällt. Und was tun der seit Jahren hier lebende Sergei und sein Sommerpraktikant Pavel den endlos langen Mitternachtssonnentag? Stets wortkarg sind sie mit den Strahlenmessungen beschäftigt und mit dem dazu nötigen Funkverkehr. Ja, wenn es eine dritte Person in diesem Kammerspiel unter weitem Himmel gäbe, dann wäre es diese Stimme, die in regelmäßigen Abständen aus der angejahrten Apparatur dringt, nüchtern und kühl.

Mit langsamer Gebärde, als sei dies ein nachgelassener Traum Tarkowskis, führt „How I Ended This Summer“ in seine Szenerie am Weltenende ein. Die narrativen Elemente schmuggeln sich eher ins Bild: Wie der Junge über Ölfässer läuft, als übe er für eine arktolympische Disziplin, wie er sich an einen kreiselnden Radarschirm hängt, als sei der ein Karussell, wie er sich in unbeobachteten Augenblicken, statt zu arbeiten, lieber im TschernobylComputerspiel „Stalker“ verliert – hier bricht sich Jugend alias Unberechenbarkeit Bahn, hier stört schöne, aber auch irritierende Unreife die Regeln des Alltags. Ein Vorzeichen wohl: Tatsächlich trifft eines Tages ein furchtbarer Funkspruch ein, der das sensible Gleichgewicht des Immergleichen zerbricht.

Beginnt nun plötzlich, um die hier so entlegene Hollywood-Diktion zu bemühen, ein Thriller – nur weil Pavel dem bulligen Sergei ängstlich die Nachricht verschweigt? Und erst recht einer, als er sie ihm eines Tages doch eröffnen muss, weshalb die Gewehre, mit denen die beiden sich sonst vor den Eisbären schützen, auf einmal eine andere Bedeutung bekommen?

Vielleicht. Weil jenes Duell, das sich zwischen dem Abgehärteten und dem Neuling längst abzeichnete, nun in eines übergeht, das man in Hollywood sofort tödlich nennen würde. Nur stirbt hier niemand. Oder nicht gleich, nicht vor unseren Zuschaueraugen. Und was ist, so fragt der Film auf seine leise Weise, schon der Tod gegen dieses Leben?

An mehr soll hier nicht erinnert werden aus dem dramatischen Potenzial des Films – schließlich hat er bei der Berlinale 2010 bereits nachhaltig beeindruckt und wurde mit Darstellerpreisen und einer Auszeichnung für Pavel Kostomarovs großartige Kamera belohnt. Dessen Bilder geben der archaischen Landschaft atmenden Raum; und sie erhellen wirkungsvoll die Fremdheit zweier voreinander Verschlossener, die, als ein externer Schrecken sich ihrer bemächtigt, zwischen Angst und Qual kaum mehr einen Ausweg finden.

Schon mit seinem Debüt „Koktebel“ (2003), in dem er einen Vater und seinen kleinen Sohn quer durch Russland ans Schwarze Meer schickte, erwies sich Alexei Popogrebsky als Meister der Lakonie: hier die nahezu stummen Menschennöte, dort die grandios indifferente Natur. Sein nun dritter Spielfilm, in dem er nach eigenem Drehbuch eine ganz unreligiöse Schmerzens- und Erlösungsgeschichte mit umwerfendem Finale entfaltet, macht ihn endgültig zu einem der Großen des Kinos – kein Star, sondern ein Stern, sehr leuchtend aus der Ferne.

fsk am Oranienplatz

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