Film : Neu auf DVD

Wir haben die DVD-Neuerscheinungen für Sie gesichtet. Mit dabei: "Liebe und andere Kleinigkeiten", "The Body" und "Die Armstrong-Lüge".

Karl Hafner

Mitternachtsmoral

Oriol Paulo: "The Body"

Foto: promo
Foto: promo

Was hat dieser Mann gesehen? Panisch flüchtend läuft er vor ein Auto. Es kracht, er liegt im Koma und wird nicht mehr reden. Ein klassisches Thriller-Exposé: der Blick voller Angst auf das Unaussprechliche. Es wird bis zum Ende des Films (OFDb Filmworks) dauern, bis der Zuschauer die Ursache des Schreckens sieht. Klar ist bald, dass eine Tote aus einer Leichenhalle verschwunden ist – vor einer möglichen Obduktion. Der ermittelnde Polizist vermutet bald zu Recht einen Mord, begangen vom Ehemann der Toten, dem Chemiker Alex, der sich ein neues Leben erträumt – mit einer Jüngeren und dem Vermögen seiner Frau.

Überwiegend spielt der Film von 2012, Debüt des Spaniers Oriol Paulo, in der Gerichtsmedizin, einem verwunschenen Gebäude mit langen, dunklen Gängen und heruntergekommenen Toiletten. Hier wird Alex verhört, hier verstrickt er sich in Widersprüche, versucht zu retten, was zu retten ist. Erklären kann er sich das Verschwinden der Leiche nicht. Schön langsam fühlt sich Alex verfolgt in diesem Puzzle, das immer neue Details und Erinnerungen ins Bild setzt, die erst später Sinn ergeben oder verneinen. Es ist eine dieser typischen Horrornächte, in denen es ständig gewittert und das Licht bedrohlich flackert, doch Schockeffekte bleiben zum Glück aus. Hier geht es vielmehr um das erdrückende Gefühl der Schuld, um Verlust und Trauer, um morbide inszenierte Ausweglosigkeit – und um den einen „verbotenen“ Blick, der alles verändert.

Mittelschichtmoral

Jacob Aaron Estes "Liebe und andere Kleinigkeiten"

Foto: promo
Foto: promo

Alles sieht hier nach typischer Mittelschichtkomödie aus: Der schicke Doktor Jeff Lang (Tobey Maguire) lebt mit hübscher Frau (Elisabeth Banks) und süßem Filmkind in typischer Vorstadtidylle. Nach zehn Jahren ist das Paar zwar im Lebensabschnitt ehelicher Post-Sexualität angekommen, doch zum Glück gibt es Onlinepornos und Chatforen. Der einzige für alle offensichtliche Makel: Waschbären wühlen sich allnächtlich durch den frischen Rollrasen auf der Suche nach Würmern, die unter der gebürsteten Grasnarbe ihre Gänge graben.

Immer wieder legen sie schmutzige Erde frei in dieser Komödie (Tiberius Film) von 2011 – dem zweiten Film von Jacob Aaron Estes, der 2004 mit dem Jugenddrama „Mean Creek“ bei den Kritikern beachtlich punktete. Um moralische Dilemmata geht es auch hier: Genügt es, nett zu sein, oder sollte man besser sogar ein guter Mensch sein? Perfide, dass man Jeff selten direkt einen Vorwurf machen kann. Es gibt keinen bösen Willen und keinen ausgeheckten Plan. Alles ist plausibel, und trotzdem gehen hier Leben zu Bruch. All das präsentiert der Film in einer suggestiv amüsierten Weise, die fast verdeckt, wie garstig hier Lebenslügen zerpflückt werden.

Keine Moral

Alex Gibney: "Die Armstrong-Lüge"

Foto: promo
Foto: promo

Auch wenn das Thema in diesem Sommer kleiner schien: Tour de France und Doping gehören im öffentlichen Bewusstsein zusammen. Alex Gibneys 2013 erschienener Dokumentarfilm (Sony) macht deutlich, warum dieser Sport noch viele Jahre diskreditiert sein wird. Der Film gibt Einblicke in das perfekteste Betrugs- und Dopingsystem der Sportgeschichte, konstruiert und getragen vom vermeintlich besten und erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten Lance Armstrong.

Ursprünglich wollte Gibney 2009 den Comeback-Versuch des legendären Tour-Siegers begleiten, der nach jahrelanger Abstinenz vom Spitzenradsport die Tour ein achtes Mal gewinnen wollte. Es wäre wohl ein Rührstück geworden, ein weiteres Kapitel im Bestseller über den titanischen Kampf eines Mannes, der den Krebs besiegt, um dann nach Belieben unglaubliche körperliche Leistungen zu vollbringen. Doch bald wurde die Fiktion von der Realität eingeholt. 2013 endlich gestand Armstrong jahrelanges Doping – und aus Gibneys Film wurde die Aufarbeitung einer systematischen Lebenslüge. Schuldige gibt es neben Armstrong viele: willfährige Sponsoren und Medien, skrupellose Mediziner und den Radsportverband, der sein Premiumprodukt verbissen verteidigte. Exemplarisch und eindrucksvoll sieht man hier, wie Existenzen ruiniert werden mithilfe von Macht, Geld und Publicity – für mehr Macht und mehr Geld. Und das weist weit über den Radsport hinaus.



0 Kommentare

Neuester Kommentar