Film : Portät von Magersüchtigen

Filmemacherin Maria Teresa Camoglios versucht mit dem Dokumentar-Experiment "Die dünnen Mädchen" Magersüchtige Stolz auf den eigenen Körper zu vermitteln. Indem sie Tango tanzen lernen.

Christina Tilmann

Was für eine Idee. Diese Mädchen, die sich noch nicht mal selbst im Spiegel sehen mögen, die mit ihrem Körper und ihrer Erscheinung hadern – ausgerechnet sie sollen Flamenco tanzen, den stolzesten, selbstbewussten Tanz überhaupt? Und das ist noch nicht einmal ein Therapieprogramm der Klinik gegen Essstörungen, in der diese acht Mädchen in Behandlung sind, sondern eine Idee der Filmemacherin Maria Teresa Camoglio: Sie organisiert für diese jungen Frauen einen Wochenend-Workshop und filmt sie beim Tanz und bei den Diskussionen davor und danach.

Fahrlässig, möchte man meinen, angesichts der enormen psychischen Fragilität der Beteiligten. Zum Teil sind sie durch Hunger so geschwächt, dass sie die Tanzproben schon physisch kaum durchstehen. Und immer wieder – vor allem, als es darum geht, ein gemeinsames Abschiedsessen vorzubereiten – brechen mörderische Versagensängste auf. Die paar Gramm zu viel, die angesichts des erstaunlich geglückten Essens dann doch auf der Waage erscheinen, setzen eine Spirale aus Hungerzwang und Neurosen frei. So lächerlich der Anlass auch erscheint: Die Folge kann tödlich sein.

Essstörungen nicht ernst zu nehmen: Diesen Fehler sollte niemand mehr machen. Niemand, der weiß, wie auf Internetportalen wie „ProAna“ das Hohelied der Anorexie (Magersucht) gesungen wird. Angesichts der gepflegten Frauen, die Maria Teresa Camoglio in ihrem Film porträtiert, mit ihren langen seidigen Haaren, Perlenketten, eleganten Röcken, muss noch einmal betont werden: Anorexie ist kein Luxusproblem, keine HöhereTöchter-Psychose. Es ist eine Krankheit, die die meisten Betroffenen ihr Leben lang nicht mehr loswerden.

Deshalb ist Camoglios Filmexperiment „Die dünnen Mädchen“ vielleicht doch nicht so fahrlässig. Es bietet den jungen Frauen ein positives Gegenbild: Leuchtend die Bilder, die Kamerafrau Sophie Maintigneux eingefangen hat, nachdenklich die Gespräche, mitreißend der Tanz. Diese jungen Frauen sind schön – und sie dürfen sich schön finden: Das versucht der Film ihnen zu vermitteln. Und sie sind starke Charaktere, jede Einzelne. Magersucht ist eine Kontrollkrankheit; auch diese Frauen sind höchst kontrolliert und jahrelang durchtherapiert. Nichts, was sie preisgeben, geben sie unbewusst preis, alles ist berechnet. Nicht berechnet allerdings ist die Anerkennung, die sich beim Zuschauer angesichts ihres Kampfes einstellt. Sie wollten kein Mitleid, die „dünnen Mädchen“. Sie dürfen stolz sein auf sich.

Zwei junge Frauen konnten nach dem Film die Klinik verlassen und ein neues Leben beginnen, erzählt Sophie Maintigneux Wochen später im Gespräch. Ein therapeutischer Erfolg – zumindest auf Zeit. Christina Tilmann

fsk am Oranienplatz

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