Kultur : Film: Talkshow für Telepathen

Pamela Jahn

Das Duell. Dirty Harry gegen Bullitt. Clint Eastwood gegen Steve McQueen. Der Gute gegen den Guten. Wem soll man da als gerechtigkeitsliebender Zuschauer sein Kinoherz schenken, wenn sich plötzlich zwei der smartesten Hollywood-Helden gegenüber stehen? Viel Zeit zum Überlegen bleibt nicht - nach acht Minuten ist alles vorbei...

"The Showdown" ist der zweite Teil einer Kurzfilm-Trilogie des Underground-Filmemachers J. X. Williams, dessen skurrile Arbeiten im Rahmen des Tournee-Programms "Means of Production" im Eiszeit-Kino zu sehen sind. Mit einem Koffer voller 16mm-Filme reist Williams, gleichzeitig Kurator der Kurzfilm-Reihe, dieser Tage durch Europa und präsentiert das Beste aus dem kalifornischen Untergrund. Vorgestellt werden sechs Künstler des "Other Cinema", einer Plattform für Underground- und experimentelles Kino in San Francisco, die vor allem mit Verfremdungstechniken arbeiten.

Die Stärke des 95-minütigen Programms liegt wie so oft in den begrenzten Produktionsmitteln, die die Fantasie provoziert: Aus zum Teil vor dem Mülleimer geretteten alten Filmrollen oder auch ausgewähltem Rohschnittmaterial alter Spielfilme werden Szenen oder winzige Einstellungen ausgeschnitten, zerstückelt, manipuliert, neu montiert oder mit handbemaltem Material kombiniert, um dem Ganzen einen frischen künstlerischen Atem einzuhauchen.

Was dem einem der Actionfilm, ist dem anderen die Konferenz der "Future Business Leaders of America". In seinem Film "Thine Inward-Looking Eyes" versucht Thad Povey, der Video-Aufzeichnung einer drögen Wirtschaftskonferenz die formale Struktur einer Talkshow zu verleihen, ohne springende Schnitte, allerdings auch ohne Einstellungen, bei denen die Konferenzteilnehmer ihre Lippen bewegen. Das bizarre Ergebnis: eine Art Talkshow für Telepathen. Nicht weniger eigenwillig sind die Kurzfilme von Matt McCormick, der seine Geschichten aus vergessenem Achivmaterial - ungeschnittene Nachrichtensendungen mit Versprechern oder illustre Werbespots - eines längst geschlossenen TV-Studios zusammenpuzzelt. Gemixt mit handbemaltem Film entstehen tragische, ironische, aberwitzige Geschichten wie die vom verliebten Polarbären ("Sincerely, Joe P. Bear").

Verspielt und verträumt präsentiert sich der kalifornische Untergrund: buntes Kino, aber keinesfalls nur Zerstreuung. Dafür sorgen gesellschaftskritische Filme wie "The Behold Asian" von James Hong. Lange Einstellungen von unberührten Steppenlandschaften gönnen dem Zuschauerauge eine Ruhepause vom manchmal zu nervösen Flimmern auf der Leinwand. Denn wenn zuviel ungebremste Experimentierleidenschaft im Spiel ist, hinterlassen die Filme einen unangenehmen Nachgeschmack an künstlerischer Attitüde, die sich schlecht verträgt mit den sonst wunderbar frechen Beiträgen.

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