Film und Kunst in Mitte : Gewühl und Härte

„Echte Gefühle - Denken im Film“: Die Berliner Kunst-Werke kategorisieren das Kino neu und scheitern kläglich.

Jens Hinrichsen
Küss mich. Sue de Beers Dreiminuten-Video „Making out with myself“, ein autoerotisches Mini-Melodram.
Küss mich. Sue de Beers Dreiminuten-Video „Making out with myself“, ein autoerotisches Mini-Melodram.Foto: Sue de Beer, Galerie Ehrentraut

Ein Strudel aus Schaum und Wasser verschwindet im Ausguss. Die Kamera zoomt auf das schwarze Loch, das alles schluckt. Ein Todesbild, nicht erst seit Hitchcocks „Psycho“-Blutdusche oder Edgar Allan Poes Schauerstory „Hinab in den Mahlstrom“ von einem Mann, der sich mit Klugheit dem Sog eines gigantischen Wasserstrudels entwinden kann. Was der 1968 verstorbene Künstler Peter Roehr in seiner Filmmontage „Abfluss (11x)“ aus dem Jahr 1965 ein knappes Dutzend mal aneinandergeschnitten hat, ist allerdings nur ein kurzer Clip aus einem US-Werbespot. Die Wiederholung tilgt das Subjektive. Aus einem Motiv mit Angstpotential wird Abstraktion.

„Entleerte Gefühle“ heißt die letzte Ausstellungsstation im zweiten Stock der Berliner Kunst-Werke. Unter der Überschrift „Echte Gefühle: Denken im Film“ haben Ellen Blumenstein, Chefkuratorin des Hauses, der Drehbuchautor und Dramaturg Franz Rodenkirchen sowie der Philosoph Daniel Tyradellis eine Schau über Affekte und Emotionen im bewegten Bild zusammengestellt. Gefühllosigkeit gehört dazu: weil der Zuschauer eben nicht immer Lust oder Leid seiner Leinwand-Abbilder folgt. Die Gefühlsarmut vieler Filmfiguren von Michael Haneke („Funny Games“) zum Beispiel soll sich gerade auf das Publikum übertragen. Nur macht sich Gleichgültigkeit mitunter unbeabsichtigt in den Sitzreihen breit.

Nichts passiert im Amphibien-Blockbuster

Die Gefahr besteht auch für die Ausstellung selbst. Ihr fehlt es an Schubkraft. An den gezeigten Werken liegt es kaum. Das Gemeinschaftsvideo von Ed Atkins und Simon Martin funktioniert wie ein Prolog. In einer Szenerie aus Gras und Blättern hockt ein Erdbeerfrosch. Immer neue Aufblenden – mal mit, mal ohne Frosch – schüren die Spannung. Die Tonspur raunt schicksalsschwanger. Doch nichts passiert im Amphibien-Blockbuster. Sehr gelungen auch Sue de Beers Dreiminuten-Video „Making out with myself“. Per Filmtrick küsst die Künstlerin sich selbst. Ein autoerotisches Mini-Melodram und eine Reminiszenz an die Geburt des Erotikfilms mit William Heises „The Kiss“ von 1896.

Das zentrale Werk der Station „Die Hauptfigur“ ist jedoch Christian Jankowskis 2-Kanal-Installation „Casting Jesus“. Denn Christus ist nicht nur der Protagonist des Neuen Testaments, sondern auch Modellfigur zahlloser Passionsgeschichten im Kino, ob die Stars nun Marlon Brando, Bruce Willis oder Charlotte „Nymphomaniac“ Gainsbourg heißen. Jankowski veranstaltete im Vatikan eine Art Castingshow, bei der Geistliche einen idealen Jesusdarsteller kürten. Aber wie spielt man die Ölbergszene? Mit Method Acting? Intuitiv oder eher verkopft?

„Sense and Sensibility“, wie ein berühmter Jane-Austen-Roman heißt, werden heute kaum noch als ungleiche Schwestern betrachtet. Verstand und Gefühl gehen gut zusammen, ob im Individuum oder Werk. So lautet auch die Hauptthese der Ausstellung. „Film ist ein Medium, das denkt, indem es uns affiziert“, sagt Ellen Blumenstein. Den Philosophen und Co-Kurator Tyradellis interessiert vor allem die Anschlussfähigkeit von Film. Indem die Ausstellung gleichzeitig filmischen Mainstream und Kunst zeige, werde die in Kunstinstitutionen normalerweise erhebliche Hemmschwelle herabgesetzt, ist er überzeugt. „Die Leute kommen, sehen und werden an Grenzen geführt“, sagt Tyradellis. Für Drehbuchautor Rodenkirchen als Dritten im Kuratorenbunde stehen die Mittel des Kinos im Vordergrund: „Sie bleiben bestehen, auch wenn der Hauptvermittlungskanal, das Kino selbst, langsam verschwindet.“

Ein Gemetzel aus "Starship Troopers" steht für Langeweile

Das „Archiv der Gefühle“ im Basement der Kunst-Werke folgt einem analytischen Ansatz. Doch die aus Monitoren mit diversen Filmausschnitten bestehende Großinstallation ist eine kuratorische Katastrophe. Die Ausstellungsmacher verzetteln sich mit ihrer „Filmanalyse“. Ausgerechnet ein Gemetzel aus „Starship Troopers“ steht für „Langeweile“. Ist das um drei Ecken oder gar nicht gedacht? Durch die Beschilderungen werden Gruppen von Filmszenen zusammengefasst: Liebe, Hass, Vertrauen, Freude, Angst, Langeweile, Scham, Einsamkeit, Verachtung, Mitgefühl. Affektschublade auf und rein mit den gebündelten Clips aus Mainstream- und Arthouse-Filmen. Solch Küchenpsychologie bestürzt. Die Beschriftungen reduzieren die Filmszenen auf das, was die Experten in ihnen zu sehen meinen. Dabei zeigt Ingmar Bergman in einer für die Rubrik „Hass“ gewählten Sequenz aus „Herbstsonate“ weit mehr, ein ganzes Spektrum aus Gefühlen. Hinzu kommt die schlechte Qualität: Die DVD von Chantal Akermans 200-minütige Echtzeitstudie einer Frau, deren Gefühle außer Kontrolle geraten („Jeanne Dielman“, 1975) guckt man sich besser zuhause an als auf der unscharfen Großprojektion der Abteilung „Intensität der Gefühle“.

Im zweiten Stock wird der geduldige Besucher jedoch mit Loretta Fahrenholz’ „Ditch Plains“ belohnt. Kurz nachdem 2013 der Hurrikan Sandy durch New York gefegt war, improvisierte die Künstlerin vor Ort einen schrägen Mix aus Tanz-, Katastrophen- und Zombiefilm unter Verwendung dokumentarischer Aufnahmen. Das Ergebnis sind 30 Minuten zwischen Spannung und Melancholie, ausgerechnet in der Abteilung „Entleerte Gefühle“.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 27. 4.; Mi bis Mo 12 – 19 Uhr, Do bis 21 Uhr.

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