Film : Was vom Leben übrig bleibt

Mal laut, mal leise- und beiläufig weise: „Barney's Version“ mit Paul Giamatti.

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Okay, der Film ist vielleicht ein bisschen lang, aber läppert nicht manchmal auch ein Leben dahin? Und er springt manchmal ein bisschen ratlos zwischen den Zeiten und den Leuten hin und her, aber wer, der sich vom Zauber irdischen Vorhandenseins grundsätzlich verführen lässt, hat sich nicht schon mal verquasselt, zumal unter dem Einfluss hochgeistiger Getränke? Und ist das Ganze hier nicht sowieso bloß Barneys Version der Geschichte, die er, immerhin abnehmend hartnäckig, für sein Leben hält?

Barney Panofsky tapert als zigarrenschmauchender, trunklustiger, reichlich ramponierter Held durch nahezu jede Einstellung dieses Kinofilms des bislang vor allem als Fernsehmann hervorgetretenen Richard L. Lewis – und beim Fernsehen ist er, als Chef der Seifenopernfabrik „Totally Unnecessary Productions“, auch selber gelandet. Zweitens fungiert Barney als Alter Ego Mordecai Richlers; „Barney’s Version“ (1997), der letzte Roman des kanadischen Autors, ist eine süffige Lebensbeichte aus dem jüdischen Mittelschichtsmilieu in Montreal. Drittens und wichtigstens ist Barney der kurzbeinige, rundbäuchige, kopfhaararme und äußerst begnadete Schauspieler Paul Giamatti – und wer „Sideways“ kennt oder „American Splendor“, jauchzt hier schon mal auf.

Barneys Leben, das der Film über drei Jahrzehnte beobachtet, verläuft und verpfuscht sich turbulent im großen Weltensande – aber Spaß macht es doch, wenn es nicht gerade unendlich traurig ist. In Rom, wohin der Regisseur das Bohème-Paris des frühen Mordecai Richler mit einigem Akkordeongetöns verpflanzt hat, scheitert Barneys erste Ehe, kaum dass sie begonnen hat: Erst erweist sich sein frisch geborener Sohn als süßer Mulatte, dann entleibt sich seine jedem Exzess verfallene Ehefrau. Die zweite Gattin gibt Minnie Driver als reiche Schreckschraube, weshalb sich Barney bereits auf der Hochzeitsfeier in Miriam (Rosamund Pike) verliebt. Die strenge Schönheit wird schließlich seine dritte Frau sowie die Mutter zweier eindeutig gemeinsamer Kinder – und Barney findet endlich Frieden.

Aber hey, kann einer wie Barney, der alles zerquasselt und vermasselt, überhaupt Frieden finden? Glück, selbst das lange, ist etwas für zwischendurch, sagt dieser mal laute, mal leise, eher beiläufig weise Film selber wie nebenbei – und spätestens dann dürfte auch der moralisch gefestigteste Zuschauer dieser gewisslich „total unnotwendigen Produktion“ mit banger Entdeckungslust in Barneys unaufgeräumtem Universum angekommen sein. Wer dann immer noch zickt, sollte zumindest Dustin Hoffmans grandiosen Kurzauftritten erliegen: Als Cop in Rente und liebender Vater gibt er Barney immer wieder seinen Segen – bis zum eigenen zuckersüßen Ende.

Cinemaxx, Colosseum, Filmkunst 66, Kulturbrauerei, Passage; OV: Moviemento

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