Kultur : Filmbühne-Museum: Die Überwindung der Schwerkraft

Nicholas Körber

In den siebziger Jahren gehörte die taiwanesische Filmproduktion zu den vitalsten der Welt. Im Durchschnitt wurden 400 Filme im Jahr gedreht - bei einer Einwohnerzahl von damals noch unter 20 Millionen. Im folgenden Jahrzehnt ging die Produktion zwar zurück, aber dafür wurde der taiwanesische Film exportfähig. Deutlichster Ausdruck dieser Entwicklung ist der gegenwärtige Erfolg von Ang Lee. In der Reihe "FilmLand: Taiwan!", die das Ethnologische Museum in Berlin-Dahlem zeigt, ist Ang Lee dennoch nur mit einem Film vertreten - man möchte weniger bekannten Regisseuren ein Forum bieten.

Bei der Auswahl bemühte man sich um ein möglichst breites Panorama des taiwanesischen Filmschaffens. Alle Genres sind vertreten: nicht nur Meisterwerke, sondern auch Filme, die sich jenseits der Kitschgrenze bewegen. Wobei Pathos und Übertreibungen einer anderen Erzählkultur geschuldet sind; westlichen Augen mögen sie befremdlich erscheinen.

Mehr noch als das Hongkong-Kino arbeitet der taiwanesische Film mit Mitteln, die ihm eine irreal-poetische Konnotation verleihen. Dies manifestiert sich nicht zuletzt in den Kung-FuFilmen. Steht in der Hongkong-Choreografie die exakte Akrobatik im Vordergrund, sind die Kampfszenen im Taiwan-Kino Bestandteil einer magischen Welt. Die Kämpfer bewegen sich jenseits der Naturgesetze, sie springen nicht, sie fliegen - wie in Ang Lees aktuellem Film "Tiger and Dragon". Nicht zufällig sind Martial-Arts-Filme in Taiwan dem gleichfalls populären Genre des Geisterfilms benachbart. Spirituelle Wesen sind allgegenwärtig, ebenso buddhistische Mönche. Die Betonung mystischer Elemente diente auch der Konstituierung einer nationalen Identität in Abgrenzung zum chinesischen Atheismus.

Die unter der Herrschaft von Chiang Chingkuo (1978-88), dem Sohn Chiang Kai-sheks, eingeleiteten Reformen spiegelten sich im Kino. Mit der allmählichen Einführung der Pressefreiheit und der Aufhebung des Kriegsrechts veränderte sich in den achtziger Jahren das Filmschaffen. Ein neuer Realismus machte sich bemerkbar, der als "New Taiwan Cinema" Karriere machte und bei den Kritikern wie beim Publikum internationales Renommee einbrachte. Formal stützte man sich auf die Stilmittel des Dokumentarfilms: Gerne wurde mit Laiendarstellern gedreht, die Kameramänner bevorzugten lange Einstellungen, was sich wiederum mit der chinesischen Bühnen- und Filmtradition der Langsamkeit verband. Die Geschichten selbst setzten sich mehr und mehr mit den sozialen und politischen Verhältnissen des Landes auseinander. Vor allem mit der spannungsgeladenen Lage des Landes zwischen den Einflüssen Chinas und der USA.

Unter dem Namen "Filmbühne-Museum" soll die Spielstätte im Ethnologischen Museum fortan zu einer dauerhaften Einrichtung der Dahlemer Museen werden. Leider erfolgt der Einbau einer Dolby-Digital-Anlage und die Renovierung erst im Anschluss an die Filmreihe. Wer sich von dem harten Mobiliar des Kinosaals nicht abschrecken lässt, hat bis zum 27. Januar täglich zehn Stunden Gelegenheit, die Filmlandschaft Taiwans zu entdecken.

Zu den Höhepunkten des Programms gehören der Geisterfilm "Moonlight Boy" von Yu Wie-yen (1993) und das 1986 von Edward Yang gedrehte Großstadtdrama "The Terrorizer". Beide Filme werden am 19. Januar gezeigt. Am folgenden Tag steht "The Invincible" auf dem Programm - eine 1993 entstandene, beachtliche "Blue Steel"-Variante. Zum Abschluss ist ein Highlight für Martial-Arts-Fans vorgesehen: In der langen Nacht der Museen am 27. Januar laufen Kung-Fu-Filme, bis die U-Bahn wieder fährt.

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