Kultur : Filmbusiness: Alternative Fernsehen

Dirk Engelhardt

Heidrun Gärtner ist ein "typischer Fall". Ihre Motivation fürs Fernsehen: "Ich habe eine klassische Ausbildung an der Schauspielschule. Doch es wird immer schwieriger, an deutschen Bühnen dauerhaft beschäftigt zu sein, und ich wollte künstlerisch etwas anderes machen." Da entsprechende Studiengänge an staatlichen Schulen in Deutschland noch eine Rarität sind, schätzt sie die Erfahrungen bei der privaten "Coaching Company", die eine Ausbildung für das Schauspiel vor der Kamera anbietet. Heute steht die 36-Jährige beim "Tatort", "Ein Fall für Zwei" oder den "Helicops" in Hauptrollen vor der Kamera. "Die Coaching Company hat mir sehr geholfen, und meiner Arbeit vor der Kamera ganz neue Impulse gegeben - ich finde es sehr empfehlenswert für jeden Schauspieler", sagt sie. Die Kosten für die Kurse, die im Durchschnitt 750 Euro für drei Wochen betragen, übernimmt auch das Arbeitsamt.

Im undurchsichtigen Markt der TV-Produktionsgesellschaften heißt es für den Schauspieler jeden Tag aufs Neue: Verkaufe Deine Haut! Erfolgreiches Marketing für die eigene Person ist dementsprechend überlebenswichtig. Dafür gibt es den Kurs "Marketing für Schauspieler" - mit Castingtraining, Überblick über die Marktsituation und das Erstellen eines Demobandes.

"Bei einem offiziellen Durchschnittsverdienst von rund 320 Euro pro Monat sind Schauspieler auf Zusatzverdienste dringend angewiesen", sagt Stefan Miller, Leiter der Deutschen Schauspieler- und Medien Akademie München. Jobs als Synchronsprecher, Moderator oder kleine Rollen in TV- oder Werbefilmen sind in der Münchner Medienszene relativ einfach zu haben. Für solche lebensnotwendigen Zusatzverdienste bietet Millers Akademie die richtige Basis. Die zehnmonatige Ausbildung für "Medienschauspieler" ist denn auch gut ausgelastet: Rund 80 Eleven, die eine Aufnahmeprüfung bestehen mussten, machen sich hier fit für das Spiel vor der Kamera. Das heißt im Jahr 2002 nicht nur, vor der Kamera gut auszusehen, sondern auch mit der neuesten Technik zurechtzukommen.

Dafür gibt es in München ein "Virtual Reality Studio", in dem das "reale" Schauspielern vor virtuellen Hintergründen trainiert wird. Doch nicht nur Schauspieler nutzen das Angebot der Filmschule: Auch Manager, Pressesprecher oder Moderatoren, die beruflich oft gefilmt werden, können hier lernen, ihre Kamerapräsenz zu optimieren. "Businesstraining für Media Communication" nennt sich das auf diese Zielgruppe zugeschnittene Angebot der Akademie.

Nach dem Boom der Spielfilm-Eigenproduktionen der Sender, der Serien, Daily Soaps und Talkshows ist zwar jetzt auch im deutschen Fernsehen der Bedarf an Darstellern etwas zurückgegangen, doch die Chancen sind hier immer noch ungleich höher als beim Theater. Experten schätzen das Marktvolumen bei TV-Serienproduktionen derzeit bereits auf eine halbe Milliarde Euro jährlich. Und gelernte Theater-Schauspieler, die sich auch mit den Regeln des Film- un Fernseh-Metiers auskennen, werden es ganz bestimmt einfacher haben als "Outsider".

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