Filmdrama „Waiting for the Sea“ : Der Kapitän und das Meer

Was macht ein Kapitän, der sein Schiff in den Sand gesetzt hat? Er sucht das Meer: Bakhtiar Khuoijnazarows metaphorisches Abenteuer „Waiting for the Sea“.

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Egor Beroew als Kapitän Marat im ausgetrockneten Aralsee.
Schiff ahoi: Egor Beroew als Kapitän Marat im ausgetrockneten Aralsee.Foto: Filmpressplus

Noch verzeichnet jeder Globus den Aralsee, denn er war schließlich meergroß. DDR-Kinder lernten in der Schule die Namen seiner Zuflüsse, sie hießen Amudarja und Syrdarja, und es kam darauf an, beide nicht zu verwechseln.Dass die Sowjetunion auf die Idee kam, beide auf Baumwollfelder umzuleiten, ehe sie den See erreichen konnten, galt als Ruhmestat des Sozialismus. Baumwollfelder in der Wüste! Wer heute Bilder des Aralsees sucht, findet vor allem gestrandete Schiffe, in deren Schatten ganze Kamelherden ruhen.

Kapitän Marat (Egor Beroew) hat sein Schiff vor Jahren im Sturm versenkt, nur er überlebte. Der Vorteil austrocknender Meere ist, dass man untergegangene Schiffe nicht bergen muss, sie sind einfach wieder da.

Sein Heimatort lag einst am Wasser, jetzt liegt er in der Wüste. Ein Typ, der aussieht wie Detlev Buck und sich bewegt wie Detlev Buck, dazu aber perfekt russisch spricht, leitet den örtlichen Flughafen sowie das Meeresmuseum und macht regelmäßig Führungen für Schulklassen: Ausflüge in eine große maritime Vergangenheit. Schon um solcher Szenen willen, muss man diesen Film von Bakhtiar Khuoijnazarow mögen, selbst wenn er am Ende doch etwas kulissenhaft bleibt.

Khuoijnazarow gelang mit "Luna Papa" ein großer Erfolg

Dem 1965 in Tadschikistan geborenen Regisseur gelang 1999 mit „Luna Papa“ ein großer gesamteuropäischer Erfolg. Damals suchte Tschulpan Chamatowa quer durch Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan den Vater ihres Kindes, Dächer konnten fliegen und es regnete Kühe vom Himmel. Khuddoijnazarows Kino hat viel von der absurden Poesie eines Emir Kusturica, es besitzt Tempo, Witz und dabei eine allzeit spürbare, aber nie feststellbare magische Mitte. Nur gibt es bei Khudoijnazarow wesentlich mehr Wüste.

Was macht ein Kapitän, der sein Schiff in den Sand gesetzt hat? Er bringt es zum Meer; irgendwo muss es hingekommen sein. Egor Beroew spielt diesen Kapitän mit einer beinahe tänzerischen Urkraft, als sei er ein neuer Alexis Sorbas. Warum sollen die Kamele nur im Schatten seines Schiffes liegen? Sie könnten es ziehen. Auch andere helfen, freiwillig und weniger freiwillig. Doch nur zwei Menschen glauben wirklich an den Kapitän: Tamara, die Schwester seiner toten Frau (Anastasia Mikulchina) und der örtliche Flughafendirektor und Leiter des Meeresmuseums. Findet der Kapitän das Meer oder findet das Meer den Kapitän?

Wenn das Kino sich etwas so Unerfreulichem wie der Wirklichkeit beugen müsste, sähe es nicht gut aus: In diesem Jahr ist der Aralsee zum ersten Mal seit 600 Jahren ganz ausgetrocknet. Seltsamerweise ist der Wasserverbrauch der Turkmenen weiterhin Weltspitze. 5500 Kubikmeter pro Kopf und Jahr. Viermal so hoch wie in den USA oder Kanada. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kino Krokodil (OmU)

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