Kultur : Filme, rot wie Blut

KERSTIN DECKER

Im Kino liefen "Zur Sache Schätzchen" und "Doktor Schiwago".Da kam einer an die Hamburger Uni, um Physik zu studieren.Am ersten Abend in der Uni sah er den "Panzerkreuzer Potemkin" und sein Leben stand fertig vor ihm: Filme würde er machen aus lauter Physik und Panzerkreuzern.So ungefähr.

Ein anderer ging durch die Hamburger Brüderstraße.Dort hatte man in der Pfandleihe den Pfandleiher erschlagen.Die Polizei kam, der Pfandleiher wurde rausgetragen, Werner Graßmann ging rein und nannte, was er sah, "Studio 1".Das war der Ort, an dem in den späten Sechzigern das große Hamburger "Film in" stattfand.72 Stunden Kino ohne Unterbrechung.Und alles selbstgedreht! Getränke waren mitzubringen.Keiner sprach mehr von "Doktor Schiwago".Sogar "Bild" testete den Marathon.

Die neuen Filme hießen "Ich faß mir an den Zeh" oder "Rote Fahnen".Sie waren kurz.Am allerbekanntesten wurde Hellmuth Costards "Besonders wertvoll", über den dann Peter Handke einen Artikel schrieb.Dabei zeigte Costard bloß, was passiert, wenn ein Penis sprechen kann.Dann verliest er nämlich Bundestagsreden wie die des damaligen CDU-Abgeordneten Dr.Dr.Toussaint zum geplanten Filmfördungsgesetz.Toussaint redete und redete und auf dem Höhepunkt ...Seitdem sind die Penisse wieder stumm und Handke schreibt nur noch ganz selten Artikel.Costard aber, der Inhaber des hochbegabten Organs, weiß seit diesem Tage, daß man nie vorhersehen kann, was rauskommt, wenn man anfängt, einen Film zu machen.Das war das Aufregendste, sagen alle.Film nicht als Produkt, sondern als geistiger Raum.Als radikale Selbsterfahrung.Klingt ein bißchen anstrengend, aber so sind sie, die Avantgarden.

Christian Blaus Dokumentarfilm versammelt noch einmal die Hamburger "kritische Masse", darunter auch Werner Nekes, Klaus Wildenhahn oder Bernd Upnmoor.1968 gründeten sie nach New Yorker Vorbild die erste Filmkooperative Deutschlands.Bilder und Kommentare der Regisseure gestern und heute wechseln mit Filmausschnitten.Schön ist das und sehr lustig manchmal.Inzwischen wird man ja schon viel älter geboren.Jene Unbefangenheit, das Medium Film noch einmal ganz neu zu entdecken, kommt nicht wieder."Keine rosa Filme" wollte man machen, sondern "Filme, rot wie Blut".Wenn jede Avantgarde vorher gewußt hätte, wie sehr sie den anderen gleicht (Alles neu! Wir sind die ersten Heiligen einer neuen Kunstform!), sie hätte nicht den Mut gehabt, Avantgarde zu werden.Vielleicht gibt es deshalb heute keine mehr.Die Geschichte ist alt geworden.Die Avantgardisten auch.

Was bleibt von der Utopie? Die Utopie selber.Und "Besonders wertvoll" natürlich.Und das Wort "Filmemacher".Es kommt ja aus Hamburg, von der "Filmmacherei" in der Brüderstraße, als Film ein Handwerk sein sollte wie jedes andere.Kein Industriezweig.

Im Kino in der Brotfakrik

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