Filme : Stadt, Land, Hölle

Von Folklore bis Askese: Das Berliner Arsenal zeigt türkisches Kino aus fünf Jahrzehnten. Konsequente Autorenfilme gibt es hier noch in Reinform.

Daniela Sannwald

In Frankreich ist das heimische Kino eine Bastion. In Deutschland behaupten sich die eingeborenen Filmemacher tapfer, wenn auch mit stark wechselndem Erfolg gegen die US-Dominanz. Und seit Jahren feiern auch türkische Regisseure in der Heimat – wie zunehmend in Deutschland – Erfolge an der Kinokasse. Der Schuljungen-Ulk „Hababam Sinifi“, das Melodram „Babam ve Oglum“ und der Actionfilm „Kurtlar Vadisi/Tal der Wölfe“, dessen zweiter Teil soeben hier angelaufen ist: Sie alle ziehen Millionen Besucher an.

Anders verhält es sich mit dem türkischen Autorenkino: International wird es weit stärker beachtet als zu Hause. Es sind die Regisseure um die vierzig, die Festivaltriumphe feiern – allen voran Nuri Bilge Ceylan, der 2002 mit „Uzak/Fern“ und 2006 mit „Iklimler/Jahreszeiten“ in Cannes reüssierte. Für seinen jüngsten Spielfilm „Üc Maymun/Drei Affen“ gewann er dort den Regiepreis. Ceylan, Zeki Demirkubuz, Yesim Ustaoglu und Semih Kaplanoglu sind Cineasten im Wortsinn: Als radikale Ästheten schreiben, schneiden und produzieren sie selbst und arbeiten mit kleinen Teams. Kurios: Das Autorenkino, das sie vertreten, findet sich derzeit in kaum einem jener Länder, in denen es einst blühte – in Frankreich vielleicht am allerwenigsten.

Die Filme dieser Cineasten, denen das Arsenal jetzt eine große Retro widmet, sind streng, ja: karg. Ihre totale Kontrolle über jedes Stadium der Produktion findet in der konzeptionellen Disziplin der Inszenierungen ihren Niederschlag. Mit prägnanten Unterschieden: Yesim Ustaoglus Filme sind politische Statements, auf der Oberfläche ein wenig verrätselt, aber ihre Botschaften sind stets klar und konsenstauglich. Auf internationalen Festivals debütierte die Regisseurin 1999 mit „Günese Yolculuk/Reise zur Sonne“ und machte darin die Diskriminierung der in Istanbul eingewanderter Kurden zum Thema.

Das Arsenal zeigt Ustaoglus „Bulutlari Beklerken/Warten auf die Wolken“ (2005): Es geht darin – auch dies ein brisantes Thema – um die wechselseitige Vertreibung von Griechen und Türken während des Ersten Weltkriegs. Dass ihre Filme stets mit Folklore angereichert sind und somit das europäische Bedürfnis nach Exotik bedienen, wird Ustaoglu in der Heimat vorgeworfen: Sie spekuliere doch nur auf Festivaleinsätze. Doch tut man damit einer Künstlerin Unrecht, die sich engagiert, fast obsessiv mit der Geschichte ihres Landes beschäftigt.

Ganz anders Semih Kaplanoglu: Er ist ein Geschichtenerzähler, der beinahe philosophisch inszeniert. In „Yumurta/Ei“ (2007) etwa erscheint das Landleben, gesetzt gegen Isolation in der Großstadt, plötzlich erstrebenswert. Dagegen steht „Bes Vakit“ (2006) – der Titel spielt auf die fünf täglichen Gebetszeiten der Muslime an – von Reha Erdem, einer der großen Hoffnungen des jüngeren türkischen Kinos: Dorfkinder stoßen immer wieder an die Grenzen, die Tradition, Religion und strenge Erziehung ihnen setzen.

Nuri Bilge Ceylan und Zeki Demirkubuz dagegen sind Ich-Erzähler, die mitunter in ihren Filmen sogar vor der Kamera auftreten, oder sie lassen sich, wie Ceylan von Muzaffer Özdemir, gut erkennbar darstellen. Beide sind Egomanen – Demirkubuz war als politischer Aktivist in den achtziger Jahren wie viele andere Linke inhaftiert und verarbeitet mit seinen illusionslosen Gesellschaftsporträts die Traumata von damals noch immer. Ceylan ist ein eleganter Kosmopolit, der mit kaum merklicher Herablassung auch auf jene Kritiker schaut, die ihn feiern. Sein „Mayis Sikintisi/Bedrängnis im Mai“ (1999) und etwa „Masumiyet/Unschuld“ (1997) von Demirkubuz schildern existenzielle und Identitätskrisen. Ihre Helden sind verstrickt in Emotionen, die sie sich nicht eingestehen wollen.

Dass es auch früher schon ehrgeizige Filmemacher gab, die unter ungleich schwereren Bedingungen drehten – die Verbreitung des Fernsehens, der Bürgerkrieg und der Militärputsch 1980 brachten die Filmproduktion fast völlig zum Erliegen –, ist fast vergessen; abgesehen von Yilmaz Güney, dessen Meisterwerk von 1970, „Umut/Hoffnung“, ebenfalls im Arsenal zu sehen ist. Der Film erzählt von der bitteren Armut eines Familienvaters, dem nur die vage Hoffnung auf einen mystischen Schatz bleibt.

Zu entdecken aber ist auch Yavuz Turguls wunderbarer „Muhsin Bey/Herr Muhsin“ (1987): Ein Musikproduzent aus Istanbul muss sich mit einem anatolischen Schlagersänger abgeben, doch bald nimmt sein Leben eine unerwartete Wendung. Altstar Sener Sen spielt den störrischen Grandseigneur mit viel Melancholie. Ähnlich seine Titelrolle in „Zügürt Aga/Der Aga“ (1985): Einen ländlichen Feudalherrscher verschlägt es in die Metropole – in dieser ihm fremden Welt gilt er nichts.

Fünf Dekaden türkisches Kino umspannt die Reihe, fernab aller Stereotype – bis zurück zu „Susuz Yaz/Trockener Sommer“. Ein früher internationaler Triumph: Mit diesem finsteren Brüder-Melodram gewann Metin Erksam 1964 den Goldenen Bären der Berlinale.

Arsenal am Potsdamer Platz, bis 30. Dezember. Details: www.arsenal-berlin.de

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