Kultur : Filmentstehung: Citylights

Frank Noack

Viele Filme werden erst dann wirklich interessant, wenn man sich ihre Entstehungsgeschichte vergegenwärtigt. Wenn man zum Beispiel weiß, dass der Hauptdarsteller während der Dreharbeiten todkrank war, oder wenn in NS-Propagandafilmen wie "Titanic" (1943) oder "Kolberg" (1945) ein Regime seinen eigenen Untergang inszeniert. An Fritz Langs "Metropolis" (1926) erfreut man sich erst dann so richtig, wenn man weiß, dass dieses Spektakel die UFA in den finanziellen Ruin getrieben hat - angesichts der kolossalen Bauten und der Komparsenheere mutiert man vom Zuschauer zum Buchhalter.

Paarte sich bei Lang noch Verschwendungssucht mit Genie, so sind Die letzten Tage von Pompeji (1926) nur wegen ihrer Verschwendungssucht sehenswert. In Fachkreisen hieß dieses Werk "Die letzten Tage der italienischen Filmindustrie". Als der Produktion das Geld ausging, wandte sie sich an österreichische Sponsoren, die nur unter einer Bedingung aushalfen: Die Hauptrollen mussten mit den ungarischen, in Wien ansässigen Stars Maria Korda und Victor Varconi umbesetzt werden. Das erforderte kostspielige Nachdrehs und Abfindungszahlungen an die ursprünglichen Hauptdarsteller. Weil es danach immer noch finanzielle Probleme gab, suchte man in Deutschland Geldquellen; diesmal erfolgten Zuschüsse unter der Bedingung, dass Bernhard Goetzke (aus Fritz Langs "Der müde Tod") mitspielt. Alle Vorurteile, denen zufolge Italiener nicht gut organisieren können, fanden sich hier bestätigt. Eine einfallslose Regie (Amleto Palermi) gab der ganzen Sache den Rest. Und doch bietet das Dreistunden-Epos allerhand fürs Auge. Wer bei Ridley Scotts "Gladiator" die Orgien vermisst hat, kann sich auf den Besuch im Freiluftkino Museumsinsel freuen. Zur Live-Musik von Marco Dalpane und Antonio Coppola wird viel nackte Haut beiderlei Geschlechts geboten, sowie Gladiatorenkämpfe und ein Vulkanausbruch. Das Ereignis beginnt am Sonntag um 21 Uhr 45 und zieht sich bis nach Mitternacht hin; soviel zur Vorwarnung!

Eigentlich war die italienische Filmindustrie schon längst ruiniert, als sie sich an den häufig adaptierten Roman von Edward Bulwer-Lytton wagte. Denn 1924 hatte die Herstellung von Quo vadis? gewaltige Summen verschlungen. Der Roman des Polen Henryk Sienkiewicz diente als Vorlage, und der deutsche Weltstar Emil Jannings in der Rolle des Kaisers Nero sollte den internationalen Kinoeinsatz erleichtern - was nicht gelang. Heute kann man sich in zwei opulenten Kinostunden an der Untergangsstimmung delektieren, die von solchen Wahnsinns-Spektakeln unweigerlich ausgeht (Freiluftkino Museumsinsel, Montag).

Durch die Ruinen von Pompeji laufen Ingrid Bergman und George Sanders in Liebe ist stärker (1953). Mit einem winzigen Budget hergestellt, erwies sich dieser kleine, intime Film von Roberto Rossellini dennoch als finanzielles Desaster. Was uns heute nicht mehr zu interessieren braucht. Die über weite Strecken improvisierte Darstellung einer Ehekrise ist ein zeitloses Meisterwerk des autobiographischen Films. Die schlechte Laune der Hauptakteure war echt: Rossellini hat sie auf geniale Weise für seine Kunst instrumentalisiert.

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