Filmfest Premiere Brasil : Poeten der Favela

Drogen, Schießereien, Tote. Das Leben in den brasilianischen Armenvierteln ist bestimmt von brutaler Gewalt. Ist in diesem ständigen Ausnahmezustand überhaupt noch Leben möglich? Der Filmemacher und Videokünstler LeandroHBL beschreibt mit seinem jüngsten Dokumentarfilm einen unerwartet normalen Alltag.

Matthias Lehmphul
MC Gorila
Familienmann in der Rocinha. MC Gorila (links) vor der Hütte seiner Familie. -Foto: Promo

Kaliber 45 und M-16 regieren die Straßen in den Armenvierteln von Rio de Janeiro. Automatische Waffen in den Händen von Halbwüchsigen. Doch an den Wochenenden geben andere den Ton an. In Badelatschen tragen sie schwere Boxen über bloße Steine den Hügel hinauf. Schwer scheint es ihnen nicht zu fallen. Der tropische Beat zieht die Massen der Rocinha, einer der weltweit größten Slums mitten in der Stadt, aus ihren Hütten auf die Plätze. Dort verschwindet für wenige Stunden die Angst im ekstatischen Tanz.   

Menschen lieben Bässe. Die Regler der DJs sind auf maximale Lautstärke gezogen. Breakbeats gemischt mit brasilianischen Trommeln, die Menschen auf der Tanzfläche vibrieren. Je kürzer die Röcke, desto besser. Diese Szenen wiederholen sich im Dokumentarfilm "Favela on Blast", genauso wie im richtigen Leben. Jeden Freitag und Samstag feiern sich die Bewohner in der Rocinha und den anderen Elendsvierteln.

Funk eine Massenbewegung

Und es ist eine der Botschaften des Filmemachers LeandroHBL an jene, die Gewalt und Hass predigen und mit Koks über den Hügeln der Stadt reich werden. Es ist der erste Film, der den brasilianischen Funk dort durchleuchtet, wo er Anfang der 1990er Jahre ursprünglich entstand - in den so genannten Favelas. 2008 wurde er auf dem Filmfest in Rio uraufgeführt. Nun ist er im Haus der Kulturen der Welt zu sehen.

Funkpartys sind mittlerweile Ausdruck einer Massenbewegung. Selbst in den Clubs der Reichen und Schönen werden die Hüften nach den Choreographien der Armen geschwenkt. Die MCs - sie heißen Colibri, Gorila, Malboro, Pitbull oder Tigrona -  singen vom Alltag. Gewalt und Sex gehören zum Standardreportoire. "Wir sind Poeten, das ist unser Alltag", sagen die MCs Junior e Leandro im Film. Aber es ist kein klassischer melodischer Gesang. Es ist Sprechgesang, Hip Hop im schrägen Stakkato.

"Das Leben in der Favela ist kein Spaß"

Das besondere am Film ist, dass er den Alltag in der Favela auf eine distanzierte aber dennoch einfühlsame Art und Weise zeigt. Da werden Musikanlagen selbst gebaut, Haare geschnitten, mit dem Nachbarn aus einem traditionellen Lied in Minuten ein Funk gezaubert oder einfach Drachen steigen gelassen. Das ist wohl die zweite Botschaft: Es gibt Männer und Frauen, die trotz Armut und Gewalt ihrer Leidenschaft nachgehen und dadurch zu ganz besonderen Vorbildern für die Kinder werden. 

Da warnt MC Gorila die Jungs vor dem Pillenkick auf ganz direkte Art und Weise. "Hör zu", sagt der muskulöse Mann mit einer kiloschweren Kette um den Hals, "Hör auf mit diesem Scheiß. Es macht nur deine Birne weich und du bringst es nicht mehr im Bett". Die Musik richtet sich aber auch an jene, die mit Waffengewalt die Kriminalität bekämpfen. MC Colibri feiert die Kids in einem Lied vor laufender Kamera: "Das Leben in der Favela ist kein Spaß. Die Kinder werden kriminell, weil sie keine andere Chance haben. Schützt unsere Kinder, sie sind unsere Zukunft."

Heiße Kurven und andere Vorurteile

Die einzige Frau unter den Befragten, MC Deise Tigrona, singt gegen den Machismus ihrer Kollegen an. "Diese Mädchen lassen sich von den Jungs zu leicht abschleppen", ärgert sie sich. Und wird vor der Kamera sehr deutlich: "Ihnen tut alles weh, wenn sie am nächsten Tag nach Hause kommen." Das ist der bedrückendste Widerspruch, den auch LeandroHBL nicht auflösen kann. Denn gewissermaßen lebt eben der Funk von den erotisierenden Bewegungen der Körper und den sexualisierten Texten. Der einzige wirklich selbstkritische Kommentar über die Lebensphilosophie des Funk kommt von  DJ Catra. "Die Musik will keinem helfen," blickt stoisch in die Kamera und zieht an seinem Joint.

Noch immer wird im Wohlstandsbrasilien der Funk mit Drogen und Gewalt verbunden. "Die Polizei kriminalisiert uns. Weil du 'Funkeiro' bist, nimmst du automatisch Drogen," kritisert DJ Malboro. Für MC Leleco spielt sich das wahre Leben der Cariocas, wie sich die Bewohner Rios selbst nennen, auf den Hügeln über den wohlhabenden Stadtteilen ab. "Komm in die Rocinha und du wirst sehen, was wahr und falsch ist." Den Musikern liegt viel an ihrer eigenen Nachbarschaft. Und er ruft hinterher: "Rocinha möchte Frieden."

LeandroHBL verleiht der Favela ein Gesicht und ist einer der wenigen Filme - Tropa de Elite und City of God gehören nicht dazu - gelungen, die trotz dieser scheinbar unlösbaren Misere auch Hoffnung verbreiten. Er zeigt einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Gewalt auf. Denn: Singen und tanzen befreien! Die Masse thematisiert beim Feiern ihre alltäglichen Konflikte. MC Galo bringt es auf den Punkt "Ohne Menschen gibt es keinen Funk". 

- "Favela on Blast", OmU (Englisch), 83 Minuten, Freitag, 13. November, 22 Uhr und Donnerstag, 19. November, 20 Uhr,  Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10. Das Festival "Premiere Brasil" läuft noch bis zum 22. November. Eintritt: 5 Euro.  Weitere Infos unter www.hkw.de 

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