Filmfest Venedig eröffnet : Odyssee im Weltraum

Die Eröffnungsgala mit George Clooney und Sandra Bullock und die ersten Wettbewerbsfilme beim Filmfest Venedig. Aus Deutschland starten Edgar Reitz und Philip Gröning am Lido

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Astronauten. Sandra Bullock und George Clooney spielen gemeinsam im Eröffnungsfilm "Gravity".
Astronauten. Sandra Bullock und George Clooney spielen gemeinsam im Eröffnungsfilm "Gravity".Foto: dpa

Sandra Bullock trägt ein rotes Bustierkleid, Eva Riccobono, die Moderatorin der Eröffnungsgala, trägt eine altrosa Rüschen-Robe von Armani, Maserati steuert die Festival-Limousinen bei und das Hotel Exzelsior, auf dessen Strandterrasse das Filmfest Venedig in den 30er Jahren erfunden wurde, hat eigens ein Dessert zur 70. Jubiläums-Ausgabe kreiert: „Stars on the Red Carpet“ heißt das Törtchen aus Erdbeer- und Himbeercreme samt schaumiger Mousse, mit einem Goldblatt verziert. Das Hotel empfiehlt Kir Royal als Getränk dazu.

Der größte Star des Eröffnungsabends ist neben Sandra Bullock natürlich George Clooney, im Weltraum-Actiondrama „Gravity“ stecken die beiden in Astronautenanzügen und trudeln verloren im All, nachdem ihr Space-Shuttle von herumrasendem Weltraumschrott zerstört wurde. Am Donnerstag zeigen alle italienischen Zeitungen Fotos von Clooney – der am Comer See Villa und Motorboot besitzt –, wie er in Venedig selber das Taxiboot steuert, mit einem lachenden Taxifahrer an seiner Seite. Nun fragt sich, ob Clooney ohne venezianische Taxi-Lizenz mit einem Strafzettel rechnen muss.

Als er mit Bullock am Nachmittag zur Pressekonferenz auf dem Lido anlegt, lässt er sich jedoch brav kutschieren, ein großes Polizei-Vaporetto mit zwei Dutzend Carabinieri eskortiert das Boot zum Anleger hinter dem Casino, dem seit Jahrzehnten improvisierten Festivalzentrum. Und als die beiden am Abend auf dem roten Teppich eine regelrechtes Marathon-Bad in der hysterischen Menge nehmen, immer wieder vom Eingang des Palazzo del Cinema zurückkehren, um noch einen Schwung Autogramme zu geben, ist kein Halten mehr. Manche Fans hatten schon morgens um acht vor dem Festivalpalast Quartier gemacht, mit bunten Sonnenschirmen gegen die Mittagshitze. Und der „Gazzettino“, die regionale Tageszeitung, bringt am nächsten Tag ein ausführliches Update zur Frage, ob Clooney wieder oder noch Single ist und wann das letzte Mal jemand öffentlich behauptet hat, dass er schwul sei. Vor den Journalisten schweigt Clooney wie immer zu dieser Frage, auch zu Obama und Syrien will er sich nicht äußern. Aber dass er auch im wirklichen Leben Eigentümer eines Satelliten ist, bestätigt er gerne: eines Satelliten über Darfur, mit dessen Hilfe sich kontrollieren lassen soll, ob im Westen Sudans die Menschenrechte eingehalten werden. 

Besonders dankbar sind Clooneys und Bullocks Rollen in „Gravity“ nicht gerade: Wer in Helm und Raumanzug steckt, braucht kein Charakterdarsteller zu sein. Gestik, Mimik, einfach nicht zu erkennen. Egal, Clooney als einer der sexiest man alive scheint sich aus der Diskrepanz zwischen Image und Sichtbarkeit in Alfonso Cuaróns Film einen Spaß zu machen. Schade nur, dass „Gravity“, bei allen schwindelerregenden Weltraum-Bildern nur am Anfang den Astronauten-Alltag im All zeigt, mit nervigen Kleinreparaturen, belanglosen Plaudereien mit Houston und der jungen Kollegin während des Spacewalks, einschließlich der Frage, ob denn immer Musik über den Kopfhörer dudeln muss.

Einen großen Teil von „Gravity“ verbringt Sandra Bullock weitgehend allein mit dem Versuch, aus der ewigen Nacht doch noch zu Mutter Erde zurückzugelangen. Das passt zum Wettbewerbsstart des diesjährigen Filmfests Venedig. Gleich zweimal geht es um Heldinnen, die auf sich allein gestellt sind oder partout für sich bleiben wollen, um die Zähigkeit, die Sturheit von Frauen. Eröffnet wird der Wettbewerb mit „Tracks“ aus Australien, nach der wahren Geschichte von Robyn Davidson (Mia Wasikowska), die in den 70er Jahren alleine die australische Wüste durchquerte, 2700 Kilometer, mit vier Kamelen und einem Hund. Leider dudelt auch hier immer Musik auf der Tonspur, die Symphonie der Natur in der roten, der weißen, der Felsen- und Salzwüsten lässt sich kaum erahnen.

Es folgt eine italienischen Produktion: „Via Castellana Bandiera“ heißt eine armselige Gasse am Stadtrand von Palermo, in der sich zwei Frauen hinterm Steuer ihrer Autos stur gegenüber sitzen, keine will nachgeben und den Rückwärtsgang einlegen. Einen Tag und eine Nacht lang stehen sie Stoßstange an Stoßstange, die alte Samira, deren Familienclan in der Gasse wohnt, und Rosa (dargestellt von Regisseurin Emma Dante), die mit ihrer Lebensgefährtin (Alba Rohrwacher) wegen einer Hochzeit in ihrer verhassten Heimatstadt zu Besuch ist.

Eine Geschichte, so alt wie das Kino, so alt wie Menschheit, seit sie Geschichten erzählt: Da befehden sich zwei, und wir, die Augenzeugen, schließen Wetten ab, wer wohl am längsten durchhält. Dem Duell in der Sonne gewinnt Emma Dante neue Facetten ab, als Western à la siciliano – unter temperamentvoller Beteiligung von Nachbarn und Passanten.

 

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