Filmfest Venedig : Stadt der Einzelgänger

Steppenwölfe, Unbehauste und das Grinsen der Macht: Am Samstag enden die 70. Filmfestspiele von Venedig. Ein Rückblick.

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Provinz-Cowboys. Tye Sheridan und Nicolas Cage in „Joe“.
Provinz-Cowboys. Tye Sheridan und Nicolas Cage in „Joe“.Foto: Festival

Sie kommen mit Blumenkränzen im Haar auf den Lido und posieren barbusig beim Fotocall: Femen ist zu Gast in Venedig und sorgt mit Kitty Greens Dokumentation „Ukraine Is Not a Brothel“ für Aufregung. Ein gewisser Victor Svyatski wird darin als Mastermind hinter der umstrittenen feministischen Bewegung benannt, als Chefideologe und „Vater“ von Femen.

Die unerschrockenen Aktivistinnen, die mit nacktem Oberkörper und Wut im Bauch gegen Sexismus und Menschenrechtsverletzungen protestieren und die Polizeigewalt nicht fürchten – sie sollen von einem Macho ferngesteuert sein? Für Schlagzeilen taugt das allemal, zumal das 70. Filmfest Venedig, das an diesem Samstag mit der Preisverleihung zu Ende geht, zuletzt eher vor sich hin dümpelte. Die entscheidenden Sätze fallen nach einer Stunde der 78-Minuten-Dokumentation, wenn Victor Svyatski im kurzen Interview mit der australischen Filmemacherin beteuert: „Den Frauen fehlt Charakterstärke, sie sind unterwürfig, unpünktlich, haben kein Rückgrat. Man musste ihnen alles erst beibringen.“

Dominiert zu werden, das würde sie anstacheln, erläutern die Femen-Frauen in Venedig. Seltsame Argumentation: Ich lasse mich unterdrücken, um zur besseren Rebellin zu werden? Kitty Green lebte ein Jahr mit den ukrainischen Aktivistinnen zusammen, drehte die Protestvideos. Aber trotz der großen Nähe löst ihr Film den Ruf nicht ein, der ihm vorauseilt. Statt die Widersprüche auszuloten, versucht er sich an einer Dramaturgie der Enthüllung. Unentwegt geistert Victor als mysteriöse Figur durch die Gespräche, ohne dass man Ende mehr über ihn, die Organisationsstrukturen, die Lebenswirklichkeiten der Frauen wüsste. Kitty Green zeigt sie gern bei der Körperpflege. Sexy gegen Sexismus protestieren und zu Hause hübsch brav die Wäsche falten? So reproduziert man Stereotypen.

„Ukraine Is Not a Brothel“ lief in Venedig in einer Sondervorführung. Wie nähert man sich der Macht, welche Möglichkeiten des Einspruchs hat das Kino? Zu den 20 Wettbewerbsfilmen gehörte auch „The Unknown Known“, ein Interview- Porträt von Donald Rumsfeld, der als US-Verteidigungsminister unter George W. Bush den Irakkrieg verantwortete. Regisseur Errol Morris hat sich in früheren Filmen kritisch mit Vietnam und Abu Ghraib auseinandergesetzt, diesmal führt er einen Spitzenpolitiker vor, der vielen Präsidenten diente, Zigtausende von Memos schrieb und virtuos mit Halbwahrheiten jongliert. Es gab keine Massenvernichtungswaffen im Irak? „Die Abwesenheit von Beweisen ist kein Beweis für deren Abwesenheit.“ Folter in Guantanamo? Nein, es gab nur drei Kategorien von Verhörtechniken, die er selber anordnete. Zehn, zwölf Stunden am Stück stehen, das musste er in seinem Job schließlich auch.

Ein Zyniker, der kein Unrechtsbewusstsein kennt: Errol Morris zweifelt Rumsfelds Worte nicht an, sondern setzt darauf, dass sein Protagonist sich vor lauter Selbstgewissheit selber desavouiert. Mit Widersprüchen, in die er sich verheddert. Mit einem wie von der Person losgelösten Grinsen nach besonders zweifelhaften Ausführungen – für einen Moment blickt man hinter die Maske der Macht. Fragt sich nur, warum Morris das gesamte Interview unter Infotainment-Schnickschnack und einem triumphalen Hollywood-Soundtrack von Danny Elfman begräbt. Eine aufklärerische Doku in Form einer Hagiografie, das funktioniert nicht.

Nicolas Cage spielt einen einsamen Kleinstadt-Cowboy

Ein Mann allein vor der Kamera, das passt ins Gesamtbild. Die Helden von Venedig 2013 sind von einer unermesslichen Aura der Einsamkeit umgeben. Den Ton gab zur Eröffnung das Weltraum-Drama „Gravity“ vor, als Sandra Bullock sich aus der Unendlichkeit des Universums allein zu Mutter Erde durchschlagen musste. Die irdischen Gefilde erwiesen sich in den übrigen Festivalfilmen dann als einziges Prekariat, mit Obdachlosen, Arbeitslosen, Streunern, Steppenwölfen. Lauter Einzelgänger in einer dissoziierten Gesellschaft. Einzige Ausnahme: die famose Judi Dench als Stephen Frears’ „Philomena“; sie ist selbst den Nonnen zugetan, die ihr einst ihr Kind wegnahmen.

Der Job-Einspringer in Gianni Amelios Feel-good-Movie „L’intrepido“ – ein reiner Tor, der verloren durch die Arbeitswelten driftet, sich seine enervierend gute Laune aber nicht nehmen lässt. Die Öko-Terroristen in Kelly Reichardts „Night Moves“ sind nach ihrem Staudamm-Anschlag im Kokon der Schuld eingesponnen. Nicolas Cage verteidigt als Kleinstadt-Cowboy „Joe“ einsam auf weiter Flur den letzten Rest Menschlichkeit in einer verrotteten Nachbarschaft. Ob Christoph Waltz’ Cyber-Mönch in Terry Gilliams Science-Fiction „The Zero Theorem“, Scott Haze als frauenmordender Kaspar Hauser in James Francos „Child of Good“ oder Scarlett Johanssons männermordende Außerirdische in „Under the Skin“: Das Kino steckt sie alle in Isolationshaft, schottet sie ab.

Auf sich zurückgeworfen ist auch die Kleinfamilie, die als Keimzelle der Zivilisation ausgedient hat und sich als Hort der Gewalt entpuppt (Tsp. vom 5.9.). Kein Zufall, dass ihr die stillsten, stilisiertesten Filme des Festivals gewidmet sind, Philip Grönings deutscher Wettbewerbsbeitrag „Die Frau des Polizisten“ und „Miss Violence“ aus Griechenland. Der Horror im Format des Stilllebens; der menschlichen Hölle ist nur mittels radikaler Verlangsamung, Verdichtung und Abstraktion beizukommen. Der Fluss der Bilder stockt, die Zeit selbst hält den Atem an. Grönings angestrengter Stilwille hat ihm in Venedig Kritik eingebracht. Aber gerade seine emblematischen, enigmatischen Episoden vom gewalttätigen Polizisten, der duldsamen Frau und der traumatisierten Tochter setzen sich in der Erinnerung fest.

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