Kultur : Filmfest von Venedig: Serie B

Jan Schulz-Ojala

Für die eifrig herumlauschenden italienischen Zeitungen stand das Ergebnis schon am Freitag felsenfest. "Die Wahl ist geheim" des Iraner Babak Payami, so tönten sie, würde das Rennen machen - die parabelhafte Story um den Wahltag auf einer entlegenen Insel sei schließlich klarer Favorit des Jurypräsidenten Nanni Moretti. "Hundstage" des Österreichers Ulrich Seidl dagegen, für den sich eine Juroren-Minderheit um Regisseur Jerzy Skolimowski besonders einsetze, habe schon deshalb keine Chance, weil Moretti die Vorführung des Films schon nach zehn Minuten offenbar angewidert verlassen habe. Der Rest der 20 Konkurrenten um den Goldenen Löwen dagegen könne sich da wohl allenfalls Hoffnungen auf den einen oder anderen Nebenpreis machen.

Und nun das. Mit dem arg italozentrischen Weltbild, wonach der Cannes-Triumphator dieses Jahres und Jury-Chef die Sache schon im Alleingang für seine sechs Juroren mit entscheiden werde, lagen die Medien reichlich schief. Der iranische Beitrag "Die Wahl ist geheim" schaffte in denn doch verblüffend geheimer Wahl nur den Regiepreis - und Seidl, ein cineastischer Deix ganz ohne Humor, erfuhr für seine umstrittene Menschenzoo-Collage aus den Wiener Vorstädten die Genugtuung des Großen Jury-Preises. Die Jagd nach dem Goldenen Löwen aber entschied ein vitaler und sympathischer Film aus den ersten Tagen des Festivals für sich, den kaum jemand mehr auf der Rechnung hatte: "Monsoon Wedding" der Inderin Mira Nair, international bekannt geworden durch "Salaam Bombay" (1988) und "Kamasutra" (1996). Die Wahl bedeutet mehr als nur die Notlösung, die da zwei heftig streitende Fraktionen gefunden haben mögen, mehr als nur den erzwungenen Kompromiss. Denn mit dem Goldenen Löwen für "Monsoon Wedding" betritt das indische Massenkino namens Bollywood, worin die Traumindustrien Bombays und Hollywoods nicht nur sprachlich verschmelzen, die cineastische Weltszene.

Das pure Bollywood aus Tanz, Gesang und großen Gefühlen, gemacht für den riesigen indischen Binnenmarkt, funktioniert in "Monsoon Wedding" freilich nur als Dekor. Der Film, der mit beträchtlichem Personal, aber wunderbar leichthin von Hochzeitsvorbereitungen im heutigen Neu-Delhi erzählt, ist vielmehr ein Globalfilm par excellence - in einem Indien, das kulturell bis nach Texas und Sydney reicht, in einer Familie, die Englisch, Hindi und Punjabi munter durcheinander redet und mit tradierten Hochzeitsritualen genauso souverän umgeht wie mit Taschenrechner und Handy. Ein ausdrückliches "Liebeslied" für ihre Heimatstadt Neu-Delhi hat Mira Nair singen wollen - und tatsächlich ist ihr ein mit der Handkamera wie spontan festgehaltenes, familiäre Krisen und Schmerzen nicht auslassendes Fest der Sinne und des Lebens gelungen.

"Monsoon Wedding" war der mit Abstand freundlichste Film eines sonst in politischer, künstlerischer und sogar meteorologischer Hinsicht stürmischen Festivals - und auch sonst standen die Zeichen am Schluss generell auf Versöhnung. Anders jedenfalls ist nicht zu erklären, dass der nette, aber belanglose mexikanische Beitrag von Alfonso Cuarón zwei Preise holte und dass gleich beide Hauptdarsteller von Giuseppe Piccionis "Luce dei miei occhi" augezeichnet wurden - offenbar ein Trostpreis für das Gastgeberland Italien, mit dem immerhin der bessere der beiden heimischen Wettbewerbsbeiträge bedacht wurde. Leer dagegen gingen die beiden einzigen Amerikaner im Wettbewerb aus, Larry Clark und Richard Linklater, die sich vor der insgesamt schwachen Konkurrenz nicht zu verstecken brauchten; keine Chance auch für den Briten Ken Loach, dessen archaisches Polit-Kino über die Rationalisierung bei British Rail vielen am Lido gefiel, wohl als künstlerische Schützenhilfe für den kleinen Globalisierungsgegner in uns allen.

Laurent Cantets ungleich sensiblerer Blick auf die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit gewann, ausgewählt von einer Kritikerjury, den Löwen des "Cinema del presente" - und es hat schon einen innewohnenden Sarkasmus, dass der insgesamt beste Film eines mäßigen Festivals nur für den Top-Preis der "Serie B" gut war, wie die Italiener die neu geschaffene Parallelsektion gleich tauften. Tatsächlich war die Zweite Kinoliga dort meist besser als die Bundesliga - aber für ein A-Festival auch nicht gut genug.

Überhaupt steht es, abgesehen von der mittlerweile reibungslosen Organisation - Hauptverdienst des Festivalchefs Alberto Barbera - seit einigen Jahren strukturell nicht zum Besten am Lido. So verschieben sich auch in der alten Rivalität zwischen Biennale und Berlinale, welches der beiden Filmfestivals wohl das Wichtigere sei hinter dem uneinholbaren Cannes, fühlbar die Gewichte. Denn nicht nur die Filme - sehen wir einmal ab von dem beneidenswerten Woody-Allen-Jahresabo - lassen am Lido wachsend zu wünschen übrig, auch der Glamour-Faktor, der sich doch im Spätsommer am Meer wie von selbst einstellen sollte, wird von Jahr zu Jahr dünner. Joseph Fiennes, Star des Eröffnungsfilms "Dust", tauchte ab, Steven Spielberg entschuldigte sich per Videoeinspielung, die ersten Weltstars kamen erst nach fünf Tagen: Nicole Kidman, Helen Hunt und, nunja, Charlize Theron. Und erst zum Schlusswochenende, als Jeanne Moreau und Johnny Depp eintrafen, lohnte es sich wieder, auf den "passerella" genannten roten Teppich zu schauen.

Ein Drittes und Letztes: Venedig fehlt, nach halbherzigen Animationsversuchen vor einigen Jahren, im Gegensatz zu Cannes und Berlin ein Filmmarkt - und damit eine Art Parallelfestival, das auch die Produzenten und Einkäufer an den Lido zieht. Kurzum: Wenn Dieter Kosslick mit seiner neuen Mannschaft die Berlinale künstlerisch wie kommerzell geschickt international weiter positioniert, dann dürfte sich Venedig - Wetter hin, Wetter her - bald mit einem klaren dritten Platz begnügen müssen.

Die Malaisen der Biennale mögen in Berlin lokalpatriotisch erfreuen, politisch machen sie für Italien Sorge. Die Berlusconi-Regierung, die zur Eröffnung durch demonstrative Nichtpräsenz schon mal zu verstehen gegeben hatte, was sie von den "linken Rüpeln" am Lido hält, machte zwar dieser Tage scheinheilig Frieden mit der Festivalführung. Der ehrgeizige Kultur-Staatssekretär Vittorio Sgarbi, rhetorisch selbst ein Rüpel ersten Grades, ließ zwar großzügig durchblicken, auch nächstes Jahr solle Paolo Baratta die gesamte Biennale und Alberto Barbera wieder das Filmfest leiten, aber auf das Zuckerbrot folgte gleich wieder die Peitsche. Zum einen sei es doch hübsch, dass sich das linke Kino nun im neurechten Italien "den Luxus der Opposition" leisten könne, sagte er. Und im selben Atemzug regte er an, die staatliche Filmförderung vielleicht durch einen Fonds für "bestimmte Regisseure" zu ersetzen. Nanni Moretti, der derzeit beste Regisseur Italiens und erklärter Feind Berlusconis, wird sich da wohl gleich jegliche Hoffnung abschminken dürfen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben