Filmfestival "achtung berlin" startet : Am Tropf der Schauspieler

Das Filmfest „achtung berlin“ geht in die elfte Runde. Berlin-Bezug gibt es nicht immer. Dafür haben die Filme eine andere Gemeinsamkeit: ihre unsichere Finanzierung. Eröffnet wird das Festival mit "Lichtgestalten" mit Max Riemelt.

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Max Riemelt und Theresa Scholze im Eröffnungsfilm "Lichtgestalten".
Vereint: Max Riemelt und Theresa Scholze im Eröffnungsfilm "Lichtgestalten".Foto: Christian Moris Müller Filmproduktion

Das Schwaben-Bashing hat zwar nachgelassen, die Vorbehalte aber sind geblieben. Westdeutsche, die aus Karrieregründen nach Berlin gezogen sind, gelten bei den Ureinwohnern immer noch als unsensibel und materialistisch. Dass sie sich in ihrer schicken Dachetagenwohnung auch entwurzelt fühlen können, mag man ihnen nicht zutrauen. Um eine derartige Sinnkrise geht es in dem Eröffnungsfilm des „achtung berlin“-Festivals.

„Lichtgestalten“ handelt von einem Paar aus einer westdeutschen Kleinstadt, das nun in der namentlich nicht genannten Metropole alles erreicht hat und dennoch vom Erdboden verschwinden möchte. Katharina und Steffen zersägen ihre Möbel, räumen die Wohnung leer, ziehen sich von Freunden zurück. Und fragen sich: Entsteht daraus eine Bewegung? Oder wird das soziale Experiment gar nicht wahrgenommen?

Der Regisseur Christian Moris Müller lebt selbst seit zehn Jahren in Berlin, hat mit seinem Debüt „Vier Fenster“ einen Achtungserfolg erzielt und seitdem viel über seine Existenz nachgedacht. Hauptdarsteller Max Riemelt wiederum, zu Gast bei der Vorstellung des Programms, gibt offen zu, er habe das Drehbuch „schwer lesbar“ gefunden, denn statt äußerer Aktion und prägnanter Dialoge enthielt es detaillierte Angaben zu den Vorhängen, selbst zur Atmung. Doch Riemelt und Theresa Scholze haben dem Regisseur vertraut, und der hat das Vertrauen erwidert. „Wie am Tropf der Schauspieler“ habe er sich gefühlt, sagte er – und tatsächlich, Riemelt und Scholze tragen den Film fast allein. Auch vom aufregenden Großstadtleben, das das Paar hinter sich lassen will, ist nichts zu sehen – die Kamera bleibt in der Wohnung. Vielleicht gelingt es Riemelt und Scholze, mit ihrer Arbeit auch die Jury zu überzeugen, die erstmals einen mit 750 Euro dotierten Darstellerpreis verleiht. Mit dem Geld können sie einen amerikanischen „acting coach“ bezahlen, witzelt Festivalleiter Hajo Schäfer, wohl wissend, dass sie das nicht mehr nötig haben.

Die Filme haben einen gemeinsamen Nenner: unsichere Finanzierung

Den Berlin-Bezug der Beiträge sollte man ohnehin nicht zu eng sehen. Ein Film wurde in Barcelona gedreht, ein anderer von irischen Geldgebern finanziert. Ein gemeinsamer Nenner ist die unsichere Finanzierung. Die Produzentin Brigitte Kramer hatte das Projekt „Foto Ostkreuz“ schon aufgegeben, als ausgerechnet beim Bergsteigen in der Mongolei ihr Handy klingelte: Der RBB erklärte sich bereit, ihre Doku über die prominente Berliner Foto-Agentur zu finanzieren.

Julia C. Kaiser dagegen hat sich für ihre Tragikomödie „Das Floß!“ erst gar nicht um Sponsoren bemüht. Sie behandelt einen höchst ungewöhnlichen Junggesellinnenabschied: Die Junggesellin ist lesbisch, möchte ihre Freundin heiraten und ein Kind von einem Samenspender. Mit ihm und zwei weiteren Männern unternimmt sie eine Floßfahrt auf mecklenburgischen Seen. Die Regisseurin, die in Ludwigsburg Drehbuch studiert hat, genoss es, ohne Buch zu arbeiten und „auf Krawall loszudrehen“. Sie entdeckte bei sich einen Mut, „den man sich leisten kann, wenn man nicht bezahlt wird“.

Je zehn Spiel- und Dokumentarfilme laufen im Wettbewerb

Zehn Jahre nach seiner Gründung ist „achtung berlin“ mit je zehn Spiel- und Dokumentarfilmen im Wettbewerb und insgesamt 70 auch mittellangen und kurzen Filmen längst erwachsen geworden. In diesem Jahr gibt es erstmals, nach Berlinale-Vorbild, zum Abschluss einen Kinotag. Schon jetzt deutet sich an, welcher Beitrag die heftigsten Kontroversen auslösen wird. Ina Borrmann dokumentiert in „Alle 28 Tage“ ihren Versuch, schwanger zu werden. Sie hat den Kinderwunsch auf den letzten biologisch möglichen Moment vertagt. Die entsprechenden Komplikationen haben bei bisherigen Vorführungen für Irritationen gesorgt. Mehrere Zuschauerinnen verließen den Saal vorzeitig. Eine bessere Reklame kann man sich nicht wünschen.

15. bis 22. 4. im Babylon, International, fsk, Passage und Tilsiter Lichtspiele. Infos: www.achtungberlin.de

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