Filmfestival : Die Berlinale-Diplomatin

Wie man mit Stars umgeht? Christina Gräfin Szápáry weiß es. Sie ist die Protokoll-Chefin der Filmfestspiele.

Elisabeth Binder
christina gräfin szapary
Mit ihrer Art gewinnt sie alle: Selbst die exzentrischen Rolling Stones konnten Christina Gräfin Szápáry nicht aus der Ruhe...Foto: Thilo Rückeis

Christina Gräfin Szápáry hat einen festen Händedruck und ein ansteckendes Lachen. Beides hilft ihr über schwierige Situationen hinweg. Die Protokollchefin der Berlinale organisiert die Auftritte der Stars auf dem roten Teppich und ist als Eventmanagerin gleichzeitig für den reibungslosen Ablauf der Eröffnungs- und Abschlussgalas zuständig. Für die Mutter von drei erwachsenen Söhnen und einer zwölfjährigen Tochter ist das ein Fulltime-Job, sieben Monate im Jahr, während des Festivals 16 Stunden am Tag. Beim Protokoll geht es schließlich vor allem darum, ein gutes Klima zu schaffen, in dem die Stars sich wohlfühlen.

Wie man Protokollchefin der Berlinale wird? Zweimal war sie Protokollchefin beim Hamburger Filmfestival, da hat sie die Strukturen gelernt. An der Seite ihres Mannes, des Regisseurs Jan Schütte, ist sie seit vielen Jahren auf den großen Festivals zu Gast. Sie kennt die Bedürfnisse der Geladenen gut, weiß genau, wie nervös Schauspieler und Regisseure kurz vor der Präsentation ihrer Filme sind.

Als sie im vorigen Jahr mit den Rolling Stones auf die Bühne wollte, bemerkte sie, dass es eine Verzögerung gab. „Bis zum letzten Moment war ich nicht sicher, ob sie uns nicht doch noch abspringen“, sagt sie. „Aber sie waren im Gegenteil ausgesprochen höflich und haben die Wartezeit mit Witzen überbrückt.“ Ein Poster von Mick Jagger hängt nun hinter ihrem Schreibtisch.

Einmal saß sie mit George Clooney im Grand-Hyatt-Hotel, als bekannt wurde, dass über die Maßen viele Fans am roten Teppich warteten. In ihrem Zeitplan waren exakt 15 Minuten für Clooneys Kür auf dem Teppich veranschlagt. Der Star bestand darauf, viel früher hinauszugehen, nahm sich trotz schrecklichen Wetters eine Stunde Zeit für Fotos und Autogramme. Als sie ihn wieder in Empfang nahm, nass und kalt von dem Einsatz, kam ihr Dank von Herzen: „Sie haben heute viele Menschen sehr glücklich gemacht“, sagte sie. Seine Antwort hat ihr Eindruck gemacht „Wissen Sie, ich bin nichts ohne diese Menschen“, sagte Clooney. Man darf keine Angst haben vor großen Namen, muss erspüren, wann ein Star Aufmunterung braucht, wann persönliche Ansprache wichtig ist. Einmal hat sie es erlebt, dass ein Regisseur aus Nervosität einfach nicht rauswollte auf die Bühne. „Ich habe großen Respekt vor der künstlerischen Leistung dieser Menschen“, sagt sie. Die gute, familiäre Atmosphäre der Berlinale hat sich inzwischen herumgesprochen unter den Stars, auch ein Grund, gern wiederzukommen.

Der Sinn für Diplomatie sitzt tief in den Genen bei Christina Gräfin Szápáry. Ihre Mutter war Holländerin, der Vater Ungar. Beide Großväter waren Botschafter. Der Vater des Vaters musste 1914 dem russischen Zaren die Kriegserklärung des österreichischen Kaisers überbringen, nachdem er vorab vergeblich versucht hatte, den Krieg zu verhindern. „In so einer Familie lernt man, sich selbst nicht in der Hauptrolle zu sehen, Persönliches zurückzustecken.“

Aufgewachsen ist sie auf einem Landsitz in Niederösterreich, der direkt an der tschechischen Grenze und damit auch am Eisernen Vorhang lag. Dieser Landsitz war das Einzige, was aus den Besitztümern der Familie väterlicherseits nach den Enteignungen in Ungarn geblieben war. Die Eltern sprachen Englisch miteinander, sie selbst spricht Deutsch mit leicht österreichischem Akzent. Wäre die Familienhistorie nicht ein guter Filmstoff für ihren Mann? Wieder lacht sie dieses ansteckende Lachen. „Wenn sich ein Produzent dafür begeistern und die Finanzierung für so einen Film auf die Beine stellen würde, vielleicht.“

Muss sie dem Festival-Chef auch mal sagen, wo es langgeht? „Das weiß er ganz genau“, sagt sie. Allerdings sei er auch sehr spontan, kenne alle, könne mit allen und wisse sich mit allen was zu erzählen. Doch, manchmal müsse sie ihn schon am Ärmel zupfen, damit nichts aus dem Ruder läuft.

Es ist ihre fünfte Berlinale, und die Tücken verbergen sich in vielen Details. Das Management der Gästeliste für die Eröffnungsveranstaltung gehört dazu. 20 000 Teilnehmer hat die Berlinale, alle möchten dabei sein, dazu die Politiker, die Sponsoren. 1600 Plätze sind zu vergeben. „Wir können es nicht allen recht machen, damit müssen wir leben.“

Welcher Dresscode ihr idealerweise vorschwebt? Das sehe man doch an den internationalen Gästen. Smoking und langes oder kurzes Abendkleid hält sie für richtig, auch ein Cocktailkleid ist in Ordnung. „Wir sind vergleichsweise tolerant, in Cannes scheitert man ohne Smoking schon an der ersten Absperrung.“ Respektlosigkeit und Unhöflichkeit sind Haltungen, die sie stören. Bei den ganz großen Stars erlebt sie das nicht, aber in deren Umfeld schon mal. Rund zwanzig Mitarbeiter stehen ihr zu Seite. Sie kümmert sich auch um das Essen bei den Veranstaltungen, nach Maßgabe von Dieter Kosslick werden vor allem regionale und saisonale Produkte verwendet. Wenn Politiker die Stars kennenlernen möchten, schafft sie Gelegenheit dafür. Nach der Berlinale schreibt sie Dankeschönbriefe. Die gehören zu einem guten Klima unbedingt dazu. Elisabeth Binder

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