Filmfestival : Ein Krampf um Rom

Kultur à la Berlusconi: Die postfaschistische Politspitze der italienischen Hauptstadt ruiniert ihr junges Filmfestival.

Sebastian Handke
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Demonstranten nutzen die Eröffnung des römischen Filmfests, um gegen die Räumung besetzter Häuser zu protestieren. -Foto: dpa

Wie ein ungeliebtes, neureiches Kind machte sich das Filmfestival von Rom vor zwei Jahren im gesättigten Feld des europäischen Festbetriebs breit. Walter Veltroni, Cineast und damaliger Bürgermeister der Stadt, gab viel Geld und Herzblut; das „RomaCinemaFest“ glänzte mit großen Namen und prestigeträchtigen Premieren. Rom, so dachten manche, könnte dem Traditionsfestival in Venedig den Rang ablaufen, womöglich sogar den Garaus machen.

Doch weil in Italien die hitzigen Kämpfe zwischen den politischen Lagern stets auch auf dem symbolischen Feld der Kultur ausgetragen werden, wurde das Festival in seinem dritten Jahr unversehens auf Kleinmaß zurechtgestutzt. Im Mai gewann Gianni Alemanno von der postfaschistischen Alleanza Nazionale überraschend die Bürgermeisterwahl und machte sich gleich daran, die Prestigeprojekte seiner linken Vorgänger zu zerstören: Die Kulturnacht „Notte Bianca“ wurde abgeschafft, und Richard Meiers moderner Schutzbau für die Ara Pacis soll abgerissen werden. Auch für das Festival war Schlimmes zu befürchten, nachdem Alemanno im Wahlkampf getönt hatte: „Weniger Kino, mehr Sicherheit.“

Das neue Stadtoberhaupt machte Gian Luigi Rondi, den 86-jährigen Nestor der italienischen Filmkritik, zum Festivalchef und wünschte sich, dass das Fest bodenständiger und italienischer werde. Schon der Eröffnungsfilm demonstrierte das ganze Elend der Neuausrichtung. „L’uomo che ama“ von Maria Sole Tognazzi war bodenständig, italienisch und sturzlangweilig. Ein Dramolettchen über einen Apotheker, der verlassen wird und dann ausführlich in Turin spazieren geht. Festivalmaskottchen Monica Bellucci ist in einer Nebenrolle zu sehen; ihre nackten Brüste gaben dem Film offenbar jenes Gewicht, das es braucht, um in Rom jetzt für festivalwürdig gehalten zu werden.

Fünf italienische Filme wurden allein für den Wettbewerb ausgewählt, und dass sie gegenüber den anderen Beiträgen nicht völlig abfielen, lag einzig an der auch sonst konsequent mäßigen Qualität der Auswahl: Keira Knightly produziert im Kostümschinken „The Duchess“ nichts als zwei Stunden augenschmeichelnde Langweile. Siddiq Barmark scheitert kläglich mit „Opium War“ an einer Beckett’schen Farce über die Verwahrlosung in Afghanistan. Der britische Beitrag „Good“, ein Moralstück über einen guten Deutschen (Viggo Mortensen) und seine passive Verstrickung in den Nazi-Terror, ist eine erschreckend uninspirierte Verfilmung des berühmten Theaterstücks von CP Taylor.

Da Mortensen aber außerdem in dem recht unterhaltsamen Buddy-Western „Appaloosa“ von Ed Harris zu sehen war, rief das am heutigen Freitag endende Festival, das diesmal kaum große Namen und keine wichtigen Filme im Aufgebot hatte, flugs einen Mortensen-Tribut aus. David Cronenberg hatte auch gerade Zeit, er wurde eingeflogen und mit einer Ausstellung bedacht. Al Pacino nahm für das Actors Studio in New York den Marc-Aurelio-Preis entgegen, ließ sich von den Römern feiern wie ein heimgekehrter Sohn der Stadt und bestrafte sie dann mit einem alten Film aus eigener Regie („Chinese Coffee“).

Der Glanz der letzten Jahre ist schon halb erloschen. In Rom herrschte zwar ohnehin eine andere Betriebsamkeit als anderswo: Mit Kind, Kegel und Abendgarderobe strömen die Römer in Renzo Pianos Auditorium im Norden der Stadt und verweisen die internationalen Gäste des Festivals in die Minderheitenrolle. In diesem Jahr allerdings waren die Römer so gut wie unter sich, und es gab wenig mehr zu sehen als Filme, die sonst keiner haben wollte.

Die Festivalleitung bekräftigte gegenüber den wenigen angereisten internationalen Journalisten, dass die Abwesenheit amerikanischer Filmgrößen keine politischen Gründe habe. Die Turbulenzen nach dem Machtwechsel in Rom hätten einfach zu viel Zeit gekostet – deshalb sei etwa Oliver Stones „W.“ über den Noch-US-Präsidenten an London verloren gegangen. Für das Festival jedenfalls ist die Entwicklung ein Drama: Vor einem Jahr noch musste man um Venedig bangen. Jetzt ist Rom angeschlagen, und sollte Italien sich darauf besinnen, dass zwei grosse Filmfeste eines zu viel sind, dann wird es nicht Venedig sein, das die Segel streichen muss.

Immerhin: Es gab Lichtblicke. „Man on Wire“ etwa, James Marshs faszinierende Dokumentation über Philippe Petit, der 1974 auf einem Drahtseil zwischen den Twin Towers des World Trade Center tanzte. Oder Agnès Jaouis hübsche Komödie über den Versuch zweier gescheiterter Filmemacher, eine Dokumentation über eine Feministin zu drehen („Parlez-moi de la pluie“). Thomas Vinterbergs neuer Film klingt zunächst nach einer Variation seines viel gerühmten Dogma-Dramas „Das Fest“: Ein prominenter Opernsänger kehrt in die Stadt zurück, in der er einst Frau und Sohn zurückließ. Das große Bankett endet im Tumult. Doch „When a Man Comes Home“ ist eine Sommerkomödie, lichtdurchflutet und herrlich fotografiert. „Dies ist mein italienischer Film!“, rief Vinterberg dem Publikum zu. „Wir wollten in Italien drehen, mussten aber feststellen, dass Berlusconi die Filmindustrie zerstört hat.“ Das Publikum reagiert mit dröhnendem Applaus.

Kein Wunder: Seit Berlusconi wieder an der Macht ist, erleidet Italiens Kultur schmerzhafte Einschnitte. Von der Pflege der Kulturdenkmäler über den Opernbetrieb bis zur Filmfinanzierung will die Regierung am liebsten alles in private Hand geben. Sandro Bondi, der neue Kulturminister, ist dabei keine Hilfe. Im Gegenteil: der ehemalige Kommunist und Verfasser eines Bildromans über das Leben Berlusconis ernannte eine Kommission, die sicherstellen soll, dass Filme mit „kontroversen“ Inhalten nicht staatlich gefördert werden. Erstes Opfer ist das Projekt über einen Gefängnisausbruch von Terroristen der Roten Brigaden im Jahr 1982. Fördergelder, die vor dem Machtwechsel bewilligt wurden, wurden nicht ausgezahlt.

Weil auch in Italien zurzeit über den Terrorismus debattiert wird, erfreuten sich die deutschen Beiträge größter Aufmerksamkeit. Mit Connie Walthers „Schattenwelt“ und dem LederjackenSpektakel „Baader Meinhof Komplex“ wurden beide Filme am selben Tag gegeben. Walthers Film immerhin nimmt das Leid der vergessenen Opfer in den Blick: Nach 22 Jahren wird Ex-Terrorist „Saul“ Widmer (Ulrich Noethen) aus dem Gefängnis entlassen. In seine Nachbarwohnung hat sich die Tochter eines Gärtners eingemietet, der bei einer Aktion der Widmer-Gruppe ermordet wurde. Valerie (Franziska Petri) kann erst Ruhe finden, wenn sie erfährt, wer auf ihren Vater geschossen hat. Ein starkes Thema, doch Connie Walther schlägt in ihrem seelenlosen Film daraus keinerlei Funken. „Ich sehe mich in der Tradition des deutschen Autorenfilms“, sagt sie und meint damit wohl jene Traditionslinie, die gähnende Kälte für ein Zeichen von Wahrhaftigkeit hält.

So war der deutsche Film in Rom erschöpfend repräsentiert, jedenfalls was seine schlechten Seiten angeht: Event-Kino und verkrampftes Autorenwerk, eines lebloser als das andere.

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