Filmfestival in Cannes : Große Meister, kleine Jungs

Die Filme von Terrence Malick, den Dardenne-Brüdern und Andreas Dresen werden beim Festival in Cannes sehr unterschiedlich vom Publikum aufgenommen.

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Erinnerungen schaffen. Frank (Milan Peschel) hat in Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“ nicht mehr lange zu leben. Foto: Festival
Erinnerungen schaffen. Frank (Milan Peschel) hat in Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“ nicht mehr lange zu leben.Foto: Festival

Größer hätten die Erwartungen kaum sein können. Terrence Malick, Regisseurs-Legende des amerikanischen Kinos, der nach „Badlands“ (1973) nur vier Filme gedreht hat, zeigt in Cannes sein ganz gewiss epochales Erinnerungswerk, dessen Stoff ihm bereits seit 30 Jahren im Kopf herumspukt: „The Tree of Life“. Schon vorm letztjährigen Festival war dieser fraglos ultimative Wurf ernsthaft als Wettbewerbsbeitrag beraunt worden, aber was bedeutet jemandem wie Terrence Malick schon ein weiteres Jahr im Schneideraum? Und dann das.

Buhs bei der Pressevorführung am Montag Morgen, und erst nach langen Schrecksekunden mischt sich enden wollender Applaus für den – in Cannes abwesenden – Meister hinein. Die ersten kräftigen Buhs schon vor Ende des kaum enden wollenden Films, mitten in eine mit gebetsähnlichem Voice-Over unterlegte Bilderkaskade mit Ansichten aus dem Weltall, aus Naturparks, von Händchen haltenden Menschen am Strand, in der Wüste, Flackerbildern wie aus dem Innern einer Kerzenflamme oder auch einem hintergrundbeleuchteten Uterus, Erde, Himmel, Tod, Leben, Anfang, Ende, alles eins.

Genauso auch hatte „The Tree of Life“ angefangen: nahezu eine Dreiviertelstunde von ohrenbetäubendem Bombasto-Orchester-Score unterlegte Planeten-Panoramen in Imax-Überwältigungsästhetik, die wahrscheinlich in 3-D angemessener zur Geltung gekommen wären. Einziges Gedankengeländer im Stakkato der Schnitte: ein Off-Kommentar, der eingangs die Begriffe „Natur“ und „Gnade“ intoniert. Im Verlauf dessen, was Geschehen zu benennen die Feder sich sträubt, lässt sich vorsichtig vermuten, dass damit ein männliches und ein weibliches Prinzip gemeint sein könnten.

„Where's the beef?“, pflegen spätestens jetzt die Fanatiker narrativer Übersichtlichkeit zu fragen. Nun, zumindest in seinem langen Anfang und Ende ist Malicks fünfter Streich konsequent vegetarisch. In seiner Mitte hingegen werden Umrisse einer Handlung erkennbar. Streng vom Vater (Brad Pitt) und milde, aber nahezu stumm von der Mutter (Jessica Chastain) behütet, wachsen drei Jungs im Texas der Fünfzigerjahre auf. Einer der Jüngeren stirbt, wie der Zuschauer zu erhaschen meint, mit 19. Also erinnert sich der Älteste als gereifter Mann – Sean Penn steht zu diesem Zweck häufig in verglasten Wolkenkratzerfassadenfahrstühlen – an seine Kindheit und beginnende Pubertät, an den wachsenden Hass auf den brutalen Vater, dem er als Heranwachsender immer ähnlicher zu werden droht.

Diese Passagen – Malick ist selber in Waco, Texas, aufgewachsen – entwickeln mitunter einige Suggestionskraft: als unsortierte Erinnerungsschleifen eines lebenslang Beschädigten, als obsessiv nachzuträumende Traumata, die kein späteres Glück auszuwaschen vermag. Doch da ihm auch dieses Bildermaterial immer wieder zu zerfallen droht, sucht Malick sein Heil in purer Esoterik. Und was als überhöht autobiografische Trauerarbeit angelegt gewesen sein mag, gerät ihm zu alle Sinne und Sinnhaftigkeit zudröhnendem Kunstgewerbe.

Immerhin: Mit dem Leitmotiv kaputter Jungskindheiten liegt Terrence Malick voll im Festivaltrend. Am überzeugendsten gelingt dies den belgischen Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne, die seit ihrem Palmen-Erfolg mit „Rosetta“ (1999) in Cannes als Experten für souverän erzählte Jugenddramen gelten. In „Le gamin au vélo“ (Der Junge mit dem Fahrrad) ist es der vom jungen Vater ins Heim abgeschobene Cyril (Thomas Doret), der bereits mitten im Überlebenskampf steckt: Erwachsenen glaubt der Elfjährige kein Wort mehr, seine Freiheit erzwingt er jederzeit durch Flucht, und wenn ihm das Fahrrad gestohlen wird, holt er es sich mit imponierender Zähigkeit zurück.

In dieses unsentimental inszenierte Unleben tritt mit der Friseurin Samantha (Cécile de France) jemand, der, selber tatkräftig und illusionslos, Cyrils Ersatzmutter werden könnte. Genau darin probiert sie sich an ein paar turbulenten Wochenenden – und der Film tut scheinbar nicht viel mehr, als mit aufmerksamer Nüchternheit seinen alltagstapferen, streitbaren Helden dabei zuzusehen, wie sie stets an der Kante zum Scheitern entlangschlingern. Dann aber, in Augenblicken höchster Aufgewühltheit des kleinen Cyril, atmet in den sonst betont filmmusiklosen Film das Streicherthema aus dem zweiten Satz von Beethovens Fünftem Klavierkonzert hinein – immer für ein paar Takte nur. Sagen wir so: Wer kein Herz hat, dem geht es auch hier nicht über.

Durchweg kühl blickt dagegen der Österreicher Markus Schleinzer in „Michael“ auf das Martyrium eines Zehnjährigen, der im Keller eines bunkerartigen Vorstadthauses von einem Pädophilen gefangen gehalten wird. Der sozial auffällig unauffällige, im Job superkorrekte Versicherungsangestellte Michael (Michael Fuith) versorgt sein Sexualobjekt Wolfgang (David Rauchenberger) zuverlässig, und wenn die Rollläden runtergelassen sind, darf das Kind aus seinem Klo-Bett-Tisch-Waschbecken-Verschlag auch mal zum Abendbrot rauf ins Erdgeschoss. Bis es eines Tages zu Michaels Verhängnis kommt. Endlich.

Schon der Titel verweist darauf, um wen es hier vor allem geht: Spielt der Film also mit der Identifikation mit dem Täter? Dafür bleibt der Blick zu distanziert. Denunziert er ihn stattdessen als Monster? Auch nicht, es sei denn als eines jener Alltagsmonster, wie sie jedem täglich hundertfach auf der Straße begegnen. So vermeidet „Michael“ jede Stilisierung ins Horror-Genre hinein, wie sie etwa Lynne Ramsays Familienaufstellung „We Need to Talk About Kevin“ zu Festivalbeginn so unangenehm kennzeichnete. Andererseits erfährt der Zuschauer nichts, was ihm nicht etwa hinlänglich aus dem Fall Natascha Kampusch bekannt wäre. Die nahezu totale Effektlosigkeit: auch ein Effekt.

Kleinejungsqualen stehen in Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ ausdrücklich nicht im Mittelpunkt, und doch gehört sein in der Nebenreihe Un Certain Regard präsentiertes Familiendrama ebenfalls in diesen Zusammenhang. Der 40-jährige Paketpostarbeiter Frank (Milan Peschel) erfährt, dass er wegen eines Hirntumors nur noch wenige Monate leben wird, und plötzlich hält sein frisch bezogenes Neubau-Vorstadtleben mit Frau (Steffi Kühnert), 14-jähriger Tochter und achtjährigem Sohn auf unfreier Strecke an. Auch Dresen beobachtet, wie immer mit kleinem, vertrauten Team und in Improvisationen entwickelten Szenen, nichts weiter als einen Alltag ganz in jedermanns Nähe – das Sterben eines noch fast jungen Mannes, und welch ungeheure Belastung es für seine Familie bedeutet. Aber er tut es mit einem massiven moralischen Impetus.

„Halt auf freier Strecke“ plädiert so leise wie eindringlich dafür, dass Krebskranke im Kreis ihrer Familie sterben sollen – in der ausdrücklichen Hoffnung, dass der Tod dadurch, als etwas nicht mehr Fremdes, auch für Kinder seinen Schrecken verliert. Die Kinder in dem Film, Talisa Lemke und Mika Seidel, spielen das gut. Aber sie spielen es eben nur.

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