Filmfestival in Marrakesch : Verewigt im Wüstensand

Der Glamour exquisit besetzter Jurys und der Ruhm Marokkos als Filmset: Das sind die strukturellen Trümpfe dieses Festivals, dessen Beiträge in diesem Jahr eher schwach sind.

Jan Schulz-Ojala
„C'est eux les chiens“, die in einer Nebenreihe präsentierte komplett marokkanische Produktion, erzählt von einem nach Jahrzehnten aus dem Gefängnis entlassenen politischen Häftling, der 2011 am Rande einer Demo in Casablanca die Aufmerksamkeit eines TV-Teams erregt.
„C'est eux les chiens“, die in einer Nebenreihe präsentierte komplett marokkanische Produktion, erzählt von einem nach Jahrzehnten...Foto: Verleih

Fast hätte es dieses Jahr geklappt, und Fatih Akin wäre in den Club der Regie führenden Wahl-Marokkaner eingetreten. Wenn die Sache mit der Lok nicht gewesen wäre. Für seinen neuen Film hatten die Location-Scouts zwar schon die richtige Bahnstrecke gefunden, nur die Lokomotive dazu hätte man umständlich aus Casablanca zum Drehort transportieren müssen. „Also ging es stattdessen nach Jordanien“, sagt Akin beim Interview in Marrakesch, „schließlich wollte ich die Bagdad-Bahn nachstellen.“

Auch architektonisch wäre Marokko nicht ganz als jener Naher Osten durchgegangen, den Fatih Akin für seinen „Western“ braucht, der zum Festival in Cannes fertig werden soll - mehr verrät der Regisseur über „The Cut“ einstweilen nicht. So muss das Land, derzeit auf Platz fünf der Filmset-Weltrangliste, noch auf Akins ersten maghrebinischen Job warten – aber macht nichts, schließlich haben sich von David Lean („Lawrence von Arabien“) über Martin Scorsese und Ridley Scott bis neuerdings Caroline Link („Exit Marrakech“) schon viele prominente Kino-Handschriften im Wüstensand verewigt.

 

Für seinen „Übervater“ Scorsese, der in Marokko  „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) und „Kundun“ (1997) drehte, schwärmt Akin seit seiner frühen Gangsterballade „Kurz und schmerzlos“. Nun saßen sie erstmals, sichtbar einträchtig, gemeinsam in der Jury des Filmfestivals von Marrakesch. Und trafen dort unter anderem auf ihre Kollegen Park Chan-wook und Paolo Sorrentino sowie Stars wie Patricia Clarkson, Golshifteh Farahani und Marion Cotillard – ein illustres Gremium, dessen Komposition sogar Cannes vor Neid erblassen lassen dürfte.

 Der Glamour exquisit besetzter Jurys und der Ruhm Marokkos als Filmset: Das sind die strukturellen Trümpfe dieses Festivals. Kein Wunder also, dass da diesmal rund 100 Fachbesucher für einen ganzen Tag über die Dreitausender des Hohen Atlas nach Ouarzazate am Rande der Sahara geflogen wurden. Schließlich leben dort, im Umkreis des legendären Atlas-Studios, Tausende Marokkaner vom Weltkino – von den Techniker bis zu den Statisten. Wovon sich die Gäste „on location“ überzeugen dürfen, bei einer Stuntshow in Ridley Scotts gewaltigem Gips-Jerusalem aus „Kingdom of Heaven“. Da fehlte es nicht an grimmigen Säbelschwingern, entführten Prinzessinnen, Pferden, Kamelen – und beeindruckend Sicht behinderndem Original-Wüstenstaub.

 Ob altes Rom, Tibet, Somalia oder Afghanistan: Marokko steht für alles geschmeidig Modell. Notfalls zaubert man sogar den Jordan in die Wüste - „zum Glück trocknete der damals bis zum letzten Drehtag nicht aus“, erinnert sich Martin Scorsese an die „Letzte Versuchung Christi“. Weniger erfreut dürften der Jury-Vorsitzende und sein Team allerdings über den 15 vor allem Debüts und zweite Filme umfassenden internationalen Wettbewerb gewesen sein. Aber, um es diplomatisch mit Fatih Akin zu sagen, auch anderswo im Weltkino sucht man derzeit den „Knüller Knaller Knallbonbon“ ja eher vergebens.

 Gleich zwei marokkanische Filme, koproduziert mit den USA sowie mit Frankreich, hatte der künstlerische Leiter Bruno Barde in den Wettbewerb eingeladen. Wobei das Festival selber als Koproduktion zu verstehen ist – zwischen einer Stiftung unter der Präsidentschaft von Moulay Rachid, dem jüngeren Bruder von König Mohammed VI., und dem französischen Unternehmen Le public système cinéma – mit  Bruno Barde als Direktor. Keine Frage, hier fördert die Filmgroßmacht Frankreich ein Land, das zwar über bemerkenswerte Regisseure, kaum aber über Kino-Kultur verfügt. Ganz Marokko mit über 30 Millionen Einwohnern zählt nur 65 Kinosäle; Deutschland etwa steht proportional 500 Mal besser da.

 Leider erfährt man aus den beiden marokkanischen Beiträgen nur wenig über das Land. Der Amerikaner Sean Gullette, der seit Jahren in Tanger lebt, erzählt in seinem Debüt-Thriller „Traitors“ reißerisch von einer Punksängerin, die aus Geldnot zur Drogenkurierin wird. „Fièvres“ von Hicham Ayoub dagegen wurde zu Recht mit Darstellerpreisen belohnt: Slimane Dazi und Didier Michon spielen in diesem Familiendrama aus der Pariser Banlieue überzeugend einen schwächlichen, mit den Eltern in der engen Wohnung lebenden Mann und seinen wilden Sohn, der mit 13 Jahren plötzlich bei seiner marokkanischstämmigen Familie auftaucht. Was aufregend konkret als konfliktreiche Sozialstudie beginnt, wandelt sich allerdings bald in verblüffend allumfassende Harmonie.

 Da ist „C'est eux les chiens“ des 36-jährigen Hicham Lasri ästhetisch faszinierender, dramaturgisch packender und vor allem politisch weitaus brisanter. Die in einer Nebenreihe präsentierte komplett marokkanische Produktion erzählt von einem nach Jahrzehnten aus dem Gefängnis entlassenen politischen Häftling (Hassan Badida), der 2011 am Rande einer Demo in Casablanca die Aufmerksamkeit eines TV-Teams erregt. Gemeinsam sucht man nach der Familie des wie aus der Zeit gefallenen Mannes, der seinen Namen nur mehr als „404“ erinnert und von den Behörden sogar für tot erklärt worden war. Nach einer Reihe absurd tragikomischer Begegnungen mündet der Film in ein hartes, anrührendes Finale, ohne dabei auch nur eine Sekunde sentimental zu sein.

 Als Reportage ist „C'est eux les chiens“ insofern ein Fake, als es dieses Häftlingsschicksal bei dem brutal niedergeschlagenen Hunger-Aufstand von 1981 so nicht gegeben hat. Wohl aber, erklärt der Regisseur, flossen zahlreiche Realitätselemente in die Figur ein - erst jüngst  wurden die verscharrten Überreste von damals „Verschwundenen“ auf dem Gelände einer  Polizeikaserne entdeckt. Sein Mockumentary, sagt Hicham Lasri, erinnere an eine „nicht gerade ruhmreiche Vergangenheit“. Hier gelte es, die Gesellschaft aufzustören.

 Hinter dieses funkelnde Filmerlebnis tritt in Marrakesch vieles zurück, auch der ordentliche Gewinner des Hauptpreises, „Han Gong-ju“ aus einer weiteren Filmgroßmacht: Südkorea. Denn das Gesicht des verlorenen „Wiedergängers“, wie Lasri seinen Helden nennt, will einem überall in Marrakesch wieder begegnen, in der so malerischen Medina oder auf dem legendären Marktplatz Djemaa el Fna: Hier herrschen die Schlangenbeschwörer und die Geschichtenerzähler, hier zieht einen die Realität schnurstracks in den Traum. Sofern man nicht gerade im Kino war.       

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