Filmfestival in Sarajevo : Über Grenzen gehen

Alltag als Kampf – und Hoffnung für das syrische Homs: Das 18. Filmfestival in Sarajewo.

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Kriegskinder. Rahima (l.) und Nedim haben ihre Eltern verloren. Jetzt kämpfen sie – mit der Umwelt und miteinander. Foto: Rohfilm
Kriegskinder. Rahima (l.) und Nedim haben ihre Eltern verloren. Jetzt kämpfen sie – mit der Umwelt und miteinander. Foto: Rohfilm

Eine bosnische Köchin, eine französische Bewährungshelferin, eine mazedonische Bäuerin, eine türkische Kaffesatzleserin – Frauenfiguren dominierten die Leinwände an den ersten vier Tagen des Sarajevo Film Festivals. Das wirkte fast so, als wolle die Programmveranwortliche Elma Tataragic ihren Kollegen in Cannes zurufen: „Seht her, es geht doch! Vier der neun Filme in unserer Konkurrenz haben Frauen gedreht.“ An der Côte d‘Azur stammte dieses Jahr von 22 Filmen im Rennen um die Goldene Palme kein einziger von einer Regisseurin, was dort für einen Protest weiblicher Filmschaffender gesorgt hat.

Auf dem 18. Sarajevo Film Festival waren über 200 Filme aus 27 Ländern zu sehen, der Wettbewerb wurde wie im Vorjahr von sozialrealistischen Dramen bestimmt – gedreht von Frauen wie Männern. Den stillen, ernsten Ton gab der Eröffnungsfilm „Djeca – Children of Sarajevo“ von Aida Begic vor. Er erzählt von zwei Kriegswaisen in der winterlichen bosnischen Hauptstadt: Rahima (Marija Pikic, ausgezeichnet mit dem Preis der besten Darstellerin) ist Mitte 20 und kümmert sich um ihren halbstarken Bruder Nedim (Ismir Gagula). Er entzieht sich trotzig ihrer Fürsorge und dreht krumme Geschäfte, statt zur Schule zu gehen. Das Leben ist ein ständiger Kampf, sowohl untereinander als mit der Umwelt.

Begic, die wie ihre weibliche Hauptfigur den Krieg in Sarajevo erlebt hat und Kopftuch trägt, zeigt das in langen, meist aus der Hand gefilmten Sequenzen in gedeckten Farben. So entsteht ein Eindruck von Stasis und Agonie, obwohl der Plot keineswegs eintönig ist. Eingeschobene dokumentarische Aufnahmen aus der Zeit der Belagerung von Sarajevo deuten auf die Quelle des Unglücks der Geschwister. Die Intention der Regisseurin und ihre pessimistische Einschätzung der aktuellen politischen Lage werden sehr deutlich, vielleicht zu deutlich, weshalb „Djeca“ nicht die suggestive Kraft entfaltet, die ihr beeindruckendes, thematisch verwandtes Debüt „Snijeg“ hatte.

Wie stark die Filmemacher des Balkans weiterhin die jüngere Vergangenheit ihrer Region beschäftigt, zeigten vor allem die Dokumentar-Programme, aber auch der Wettbewerbssthriller „Ustanicka ulica“ des serbischen Regisseurs Miroslav Terzic. In unspektakulärer Fernseh-Optik dreht sich der Film um den noch unerfahrenen Ermittler Dusan (Gordan Kicic) am Belgrader Spezialgericht für Kriegsverbrecher. Er soll das Verschwinden einer paramilitärischen Serben-Einheit im Kosovo aufklären, zu der auch der untergetauchte Micun (Uliks Fehmiu, Preis für den besten Darsteller) gehörte.

In einem Land, das kürzlich den Ultranationalisten und einstigen Milosevic-Vertrauten Tomislav Nikolic zum Präsidenten gewählt hat, muss man dieses Thema als mutig betrachten, zumal Micun und die meisten seiner Hintermänner für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Der von Reue erfüllte Kriegsverbrecher wird als einfacher, hart arbeitender Mann dargestellt, der damals nur Befehlen gefolgt ist. Darin kann man eine Relativierung sehen. Andererseits will Terzic durch diese Figurenzeichnung auch verdeutlichen, wie klein der Schritt vom normalen Typen zum Mitglied eines marodierenden Mobs ist und wie durchlässig die Grenze zwischen Zivilisiertheit und Barbarismus.

An einer ganz realen Grenze – der zwischen Österreich und der Slowakei – spielt Florian Flickers „Grenzgänger“. Inzwischen faktisch bedeutungslos, war sie 2001 noch eine gut bewachte EU-Außengrenze. In dieser Zeit ist das auf einem Stück von Karl Schönherr basierende Dreiecksdrama angesiedelt. Der Film um eine Frau zwischen zwei Männern gehörte zum spannenden Teil der Konkurrenz. Das Gleiche gilt für „Everybody in Our Family“ des 1977 geborenen Radu Jude. Sein langsam eskalierendes Drama um ein geschiedenes Paar und seine fünfjährige Tochter hat ebenfalls kammerspielhafte Atmosphäre, es besticht durch hohe emotionale Glaubwürdigkeit. Der zu zwei Dritteln in einer Bukarester Wohnung gedrehte Film hatte seine Premiere im Forum der Berlinale 2012 und ist ein weiterer Beweis für die derzeitige wundersame Blütezeit des rumänischen Kinos. Die vom ungarischen Regisseur Kornel Mundruczo geleitete Jury zeichnete „Everybody in Our Family“ mit dem „Herz von Sarajevo“ für den besten Film aus – nachvollziehbar.

Das Sarajevo Film Festival, gegründet noch während der mehr als dreijährigen serbischen Belagerung, ist mittlerweile das bedeutendste der Region. Das spiegelt sich sowohl im jährlich steigenden Medieninteresse als auch im Prominenten-Aufkommen. Zu den Gästen der sonnigen und sehr heißen Stadt zählten Jeremy Irons, Bela Tarr, Eric Canton, Edin Dzeko, Mirjana Karanovic und Rade Serbedzija. Allen voran sorgte Angelina Jolie für Aufregung, die im letzten Jahr überraschend mit Brad Pitt zur Preisverleihung gekommen war und diesmal den Talent Campus eröffnete (Tagesspiegel vom 11.7.), bevor ihr die Ehrenbürgerwürde von Sarajevo verliehen wurde. Die 37-Jährige fühlt sich Bosnien und Herzegowina seit den Dreharbeiten zu ihrem Regiedebüt „In The Land of Blood and Honey“ sehr verbunden und betonte, dass die Begegnungen mit den Menschen hier sie „für immer verändert“ haben.

Jolie reiste mit ihren drei Kindern bereits vor dem 17. Jahrestag von Srebrenica wieder ab. Dieser fiel genau in die Mitte des Festivals, das deshalb ganz im Zeichen der Erinnerung an das Massaker an über 8 000 muslimischen Männern und Jungen stand. Die Namen der Opfer liefen über die große Leinwand vor dem Nationaltheater, auf der sonst das Treiben auf dem roten Teppich übertragen wurde. Der Wettbewerb setzte an diesem Tag aus, es liefen Sonderprogramme zum Thema Menschenrechte. Die Cinema for Peace Foundation präsentierte ihre Genocid Film Library, die nach dem Vorbild der Shoa Foundation Interviews mit Srebrenica-Überlebenden sammelt.

Zudem diskutierten bei einer Konferenz Filmemacher und Künstler aus Bosnien, Serbien und Kroatien die Frage „Human Rights – Fiction or Reality?“. Dabei wurde deutlich, wie zentral für die Kreativen aus den Nachfolgestaaten Jugoslawiens die politische Dimension ihrer Arbeit ist. Jasmila Zbanic, Berlinale-Bären-Gewinnerin von 2006, zeigte ein Stück aus ihrem neuen Film „The Bridge on the Drina River“, in dem es um Massenvergewaltigungen von Frauen im ostbosnischen Visegrad geht. Auch Oscarpreisträger Danis Tanovic („No Man‘s Land“) führte eine Szene seines derzeit entstehenden neuen Werkes vor: In einem bosnischen Krankenhaus verlangt eine Mitarbeiterin vom Ehemann einer nicht versicherten Patientin Geld, sonst wird seine Frau nicht operiert. Die Summe ist astronomisch hoch, der Mann völlig verzweifelt. „Diesen Film habe ich aus Wut gemacht“, sagte Danis Tanovic, denn die Geschichte ist wahr. Und er hat sogar die Betroffenen überredet, sich selbst zu spielen.Der bewegendste Beitrag an diesem langen Nachmittag kam jedoch von einem syrischen Filmproduzenten aus Homs, der im Publikum saß. Er zog eine Parallele von Srebrenica zu den aktuellen Massakern in seiner Heimat und verglich die Belagerung seiner Stadt mit der von Sarajevo: „Ich habe Hoffnung für Homs, denn ich habe Sarajevo gesehen. Es ist heute so wunderschön und strahlend“, sagte er und verschwand kurz darauf aus dem Saal.

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