Kultur : Filmfestival in Südkorea: Die Tücke des Angelhakens

Daniela Sannwald

Die Vorstadt-Teenies kreischen, als Byung-Gi Ahn die Bühne betritt. Der 33-jährige Regisseur ist groß und dünn und hübsch, hat in der Mitte gescheitelte, bis auf den Kragen fallende Haare und sieht aus wie zwanzig. Zur Weltpremiere seines Films "Kawee/Albtraum", die an diesem Abend das "Festival des Fantastischen Films" im südkoreanischen Puchon - eine Schlafstadt in der Nähe von Seoul - beschließt, ist er zusammen mit seinen sechs Hauptdarstellern in die riesige Stadthalle gekommen. Mehr als 1000 Zuschauer verfolgen hier die Abschlussgala des Festivals.

Mit seinem von "Scream" inspirierten Splatter-Film trifft Byung-Gi Ahn offenbar den Nerv des Zielpublikums. Wenn ein weiblicher Zombie in gruseliger Maske eine Seouler Studentenclique terrorisiert, nachts in Hochhausfluren herumirrt, durch offene Fenster und Türspione guckt und selbst in Schwimmbädern, Vorlesungssälen und Dachgärten auftaucht, dann kreischen die jungen Mädchen im Kinosaal so sehr, dass man nicht mehr versteht, was auf der Leinwand gesprochen wird. Das macht aber nichts, wenn man - wie die Rezensentin - des Koreanischen nicht mächtig ist und außerdem im Film ohnehin vorwiegend geschrien wird. Klar ist jedenfalls, dass man gerade einem Kultereignis beiwohnt, das durch die Anwesenheit der Filmstars noch aufgewertet wird. Die Honoratioren aus Politik und Wirtschaft und eine ganze Riege älterer Filmschaffender hingegen hatten den Saal vor Beginn des Films übrigens fluchtartig verlassen, wohl wissend, was auf sie zukommen würde.

Puchon versteht sich als das zweitwichtigste südkoreanische Festival. Gegen das alljährlich im Oktober stattfindende Festival in Pusan, das bedeutendste Forum für den asiatischen Film, grenzt man sich mit der Festlegung aufs Genre des fantastischen Films ab. Dessen Definition wird jedoch großzügig gehandhabt, und so zeigte man in neun Tagen ein breites Spektrum europäischer, asiatischer und amerikanischer Kurz- und Spielfilme, das vom animierten Puppenfilm (Steffen Schäfflers wunderbarer "The Periwig-Maker") über Märchen (Lionel Delplanques französisches Rotkäppchen für Erwachsene "Promenons-nous dans les bois"), Science Fiction ("The Nine Lives of Tomas Katz" des Briten Ben Hopkins) und Splatterfilme bis hin zu Alltagshorrordramen reichte.

Zu den Horrordramen gehörte auch der koreanische Beitrag "Seom/Die Insel" von Ki-Duk Kim, der soeben für den Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig ausgewählt wurde. "Seom" spielt an einem einzigen Schauplatz, einem riesigen See. Darauf schwimmen einzelne Hütten, die von Anglern gemietet werden. Eine schweigende junge Frau vermietet die Flöße, versorgt die Männer mit Essen, Kaffee und Angelhaken. Gelegentlich verkauft sie auch ihren Körper. Trotz der Verachtung, mit der ihre Kunden ihr begegnen, verteidigt sie selbstbewusst ihre Rechte und wirkt dabei doch vollkommen apathisch. Nur Hyun-Sik biegt zierliche Drahtfiguren und schenkt sie ihr. Als ihr einziger Freund wegzugehen droht, versucht sie, ihn mit drastischen Maßnahmen aufzuhalten. "Seom" ist ein brutaler, bedrohlicher Film, der trotz der Weite des Sees und des hellen, sommerlichen Lichts, trotz der bunten Anglerhütten und der Landschaft ringsherum klaustrophobisch und düster wirkt.

Die Handlung kommt mit wenigen, rüden Dialogen aus. So kann sich der Betrachter Ki-Duk Kims schrecklich-schönen, leeren Bildern nicht entziehen: Bildern, die nicht nur unorthodoxe Verwendungsmöglichkeiten für Angelhaken offenbaren, sondern auch immer wieder den Todeskampf der frisch aufgespießten Fische zeigen und damit die Vorstellung vom friedlich-philosophischen, geduldigen, naturverbundenen Angler gewaltsam zerstören.

Dass es auch im Zeitalter zunehmender Globalisierung Grenzen des kulturellen Transfers gibt, ist in Puchon natürlich leichter festzustellen als beispielsweise in Wien. Die vier Spielorte, ausnahmslos große Hallen mit einem riesigen Platzangebot, waren ständig ausverkauft; und das junge Publikum beteiligte sich lebhaft an den Regisseursgesprächen nach den Filmen. So geriet beispielsweise der Franzose Lionel Delplanque in Schwierigkeiten, weil der Mythos vom großen, bösen Wolf in Korea nicht existiert. Immer wieder wurde er gebeten, seinen Film zu erklären, und musste schließlich erschöpft aufgeben. Dennoch - das ansonsten auf US-amerikanische blockbuster angewiesene Kinopublikum nahm begierig das Angebot des Festivals wahr und zeichnete schließlich Veit Helmers "Tuvalu" mit dem Publikumspreis aus. Der war nicht erschienen, um ihn persönlich entgegenzunehmen. Schade für ihn - denn die jungen Mädchen von Puchon hätten sicher vor Begeisterung gekreischt.

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