Filmfestspiele : Berlinale: Konferenz der Tiere

Die Pressekonferenz zur 58. Berlinale beginnt mit einer Glückskekspanne. Auch die Jury hat international vergleichsweise wenig Strahlkraft - doch andererseits hält die Gästeliste genug Glamour parat.

Jan Schulz-Ojala

Ein bisschen Kasperletheater (mit Oberspaßmacher Dieter Kosslick), ein bisschen Kindergeburtstag auch (mit der Verteilung der begehrten Filmterminheftchen nach gehabter Programmpräsentation) ist sie stets, die rituelle Berlinale Pressekonferenz, mit der die Festivalmacher in die Zielgerade ihrer Vorbereitungen gehen. Die überfüllte Veranstaltung gestern im Pressesaal der Bundesregierung allerdings geriet etwas matt. Und überlang. Und beginnt auch noch mit einer Panne: Die chinesischen Glückskekse, die anlässlich des zeitgleich mit der Berlinale am 7. Februar anhebenden Jahrs der Ratte auf den Stühlen hätten ausliegen sollen – sie fehlen. „Sind sie nicht alle da?“, heißt es vom Kasperlepodium sinngemäß. Vielhundertstimmiger Antwortchor: „Nein!“

Macht nichts, nicht das Jahr der Ratte, sondern die Dekade des Bären vereint die Produzenten und Multiplikatoren des größten deutschen Kulturereignisses – und anders als in manchen Jahren zuvor haben die Macher echte Neuigkeiten dabei. Zum Beispiel die Jury, eine offenbar in letzter Minute komplettierte Runde, die Festivalchef Kosslick sogleich als „illustre Gesellschaft“ rühmt. Nur CostaGavras, die Legende des Politgenrefilms, hatte als Präsident schon lange öffentlich festgestanden, gestern wurden neben der dänischen Regisseurin Susanne Bier sowie den Schauspielerinnen Sandrine Bonnaire und Diane Kruger eine Reihe allenfalls cineastenintim illustrer Namen genannt: Szenenbildner Uli Hanisch, Sounddesigner Walter Murch sowie die taiwanische Schauspielerin Shu-Qi und der russische Fernseh- und Filmproduzent Alexander Rodniansky.

Man muss gar nicht mit dem Konkurrenten Cannes kommen, um diese Jury für nur bedingt weltfestivalfunkelnd zu halten; andererseits hält die allgemeine Gästeliste genug Glamour parat. Zur Rockstar-Parade mit den Stones, Patti Smith und Madonna gesellt sich nun auch noch Neil Young, der eine Tournee-Doku von 2006 präsentiert. Der indische Bollywoodstar Shah Rukh Khan soll bereits, weiß Kosslick, kolonnenweise Bustouristen vom Subkontinent mobilisieren, und von Scarlett Johansson über Natalie Portman zu Penélope Cruz ist auch der divenaffine Teil des Publikums mit Adrenalinimpulsen versorgt. Als „bekennender Hetero“ verteilt Kosslick zudem launig allerlei Ansehnlichkeitsprädikate und vergreift sich eindeutig erst im Ton, als er die „Berlinale-Shorts“-Kuratorin Maike Mia Höhne mit dem arg knappen Kompliment „Sie hat auch die richtige Länge für Kurzfilme“ vorstellt.

Lustig? Nun ja. Schauen wir daher, bevor uns auf dieser besonders poppigen 58. Berlinale Hören und Sehen vergeht, lieber schnell noch auf die an der Saalwand prangenden Plakate der Festivalsektionen – und enträtseln ihre ebenso stillen wie hintersinnigen Subtexte. Immer spielt da der Berliner Zirkusfestivalbär mit Reifen: Mal stemmt er gleich zwei (Gesamtplakat), mal reicht er sie weiter (Reihe Generation), mal schaut er zurück zu einem großen Reifen und voran zu einem kleineren (Retrospektive), mal trägt er selber den Reifen, und obenauf macht es sich ein kopfloser Bär gemütlich (Panorama). Nur das Forum, das sich traditionell als innovativ begreift, hat seine Botschaft besonders tricky kryptifiziert: Ein Bär folgt einem anderen, und dazwischen liegt der Reifen, als Fußnote. Nur: Wer ist wessen Anhängsel? Auf die Perspektive kommt es an.

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