Kultur : Filmfestspiele: Das magische Auge

Jan Schulz-Ojala

Kino ist, in seinen schönsten Augenblicken, reine Magie. Große Filme hypnotisieren das Publikum, bringen es in einen wundersamen Zustand der Selbstvergessenheit, in ein Starren und Starrsein, ins Schweben, in Zweistundentrance. Kino ist zugleich der köstlichste Trick der Welt: Denn wenn das Licht angeht und die Bilderzauberer ihre Zuschauer wieder ins Reale entlassen, dann wissen sie, dass alles nur ein Zauber war. Weil sie sich - anders als die dankbaren Opfer der Hypnotiseure - erinnern können.

Spät, aber eben noch zur Halbzeit seines 58. Filmfestivals, kommen nun auch am Lido die Magier zum Zuge. Und das buchstäblich. Tim Roth bittet als Hanussen in Werner Herzogs "Invincible" das Kinopublikum zur Kollektivseance. In Woody Allens "The Curse of the Jade Scorpion" sind es die Künste eines Hypnotiseurs, die die Belegschaft eines New Yorker Versicherungsunternehmens auf das Vergnüglichste durcheinander bringen. Alejandro Almenábar setzt mit "The Others" auf die magischen Schauder des guten, alten Gruselfilms, mit einer ordentlich dauerpanischen Nicole Kidman in der Hauptrolle, und beschert willigen Versuchspersonen jedweden Alters und Geschlechts gleich mehrere Nächte mit lebenden Toten.

Der stärkste Mann der Welt

Richard Linklater treibt es am tückischsten: In dem Cartoon-Experiment "Waking Life" stürzt er seinen Helden von einem Traum in den nächsten, der mit dem geträumten Wachwerden beginnt. Werner Herzogs "Invincible" (Unbesiegbar), sein erster Spielfilm seit zehn Jahren und im Zweitwettbewerb "Cinema del Presente" der einzige größere deutsche Beitrag am Lido, ist eine Enttäuschung, wenn auch auf hohem Niveau. Koproduziert von drei britischen Firmen sowie Arte, dem WDR und dem Bayerischen Rundfunk, erzählt der Film behäbig und in fraglos schönen Tableaus die Lebensgeschichte des jüdischen Schmieds Zishe Breitbart. Geboren in einem ostpolnischen Shtetl, tritt er 1932 in Berliner Varietés als stärkster Mann der Welt auf und kehrt noch im selben Jahr in die Heimat zurück, um die Juden in seinem Dorf vor den Nazis zu warnen. Nur hören sie nicht auf ihn. Weil er kein Redner ist. Weil sie die Deutschen nach deren Niederlage im Ersten Weltkrieg nicht fürchten. Und weil sie wohl auch ihre Zweifel daran haben, ob Körperkraft allein ausreicht, im Zeitalter der Maschinen mit Feinden fertig zu werden.

Die Geschichte von einem, der auszog, die allseitige Furchtlosigkeit zu lernen und schon bald an der Infektion durch einen rostigen Nagel stirbt, ist schön gedacht und liebevoll gemacht. Und doch funktioniert sie nicht: zu klein für den gewaltigen historischen und filmischen Rahmen, zu klischeehaft in den Gruppenszenen (ob Shtetl, ob Nazi-Varieté), zu schwach in der Zeichnung des Verhältnisses der Hauptfiguren zueinander. Sie alle agieren seltsam für sich: Tim Roth als durchdringend-verhaltener Hanussen in seinem Berliner "Palast des Okkulten" und, erstmals auf der Leinwand, der finnische Gewichtheber Jouko Ahola als Zishe sowie die russische Konzertpianistin Anna Gourari als Hanussens Geliebte. Eine von Werner Herzogs Initialvisionen für "Invincible" war, so darf man aus einem im Presseheft abgedruckten Brief an die Pianistin schließen, Gourari den zweiten Satz aus Beethovens 3. Klavierkonzert spielen zu lassen. Sie tut dies hingebungsvoll - und vielleicht hat auch Herzog seinen Film als langsamen musikalischen Satz geträumt. "Invincible" ist wie eine 130-Minuten-Seance: nicht spiritistisch, aber sehr spirituell.

Woody, verzaubert

Bei Woody Allen ist alles handfest, erst recht die Magie. Der Zauberer, der die einander spinnefeinden Firmenkollegen C.W. Briggs (Woody himself) und Betty Ann Fitzgerald (Helen Hunt) auf einem Betriebsgeburtstag zur Hypnose bittet, arbeitetet hauptberuflich als Gangster. Der Skorpion aus Jade, mit dem er die beiden in Trance schaukelt, macht die Top-Aufklärer in Sachen Versicherungsbetrug selbst zu Kriminellen. Mit den Worten "Konstantinopel" und "Madagaskar" kann er Briggs und die frisch eingestellte Betriebsmodernisiererin jederzeit zu den tollsten Safes fernsteuern - sowie zur stets braven Ablieferung der erbeuteten Juwelen. Und schon stecken die beiden, ohne sich an ihre Missetaten erinnern zu können, in den scheußlichsten Kalamitäten.

Für uns Zuschauer ist das allerdings mindestens so komisch wie für das Büropublikum: Schließlich hat sich das gemeinsam hypnotisierte Paar auf der Feier auch noch ein inniges Begehren gestanden. Der Rest geht bei Woody Allen ganz von selbst: wunderbares Drehbuch, schönste Screwball Comedy, erlesenstes Setting der 40er Jahre. Man meint, einen reichlich zauseligen Humphrey Bogart und eine energische Katharine Hepburn vor sich zu haben, und als blondes Gift agiert zwischenzeitlich Charlize Theron als Marlene die Zweite. Was besonders erfreut: Woody Allen hat, nach eher angestrengt komischen Filmen wie "Deconstructing Harry" und "Small Time Crooks", in denen mitunter galliger Altherrenhumor zu spüren war, zur souveränen Selbstironie zurückgefunden. Auch diesmal ist der "Dinosaurier" am Ende der Big Lover - aber ganz ohne Hypnose geht es mit 65 nicht. "Jade Scorpion" mag nicht an "Zelig" heranreichen, aber so kurzweilig und bündig wie "Manhattan Murder Mystery" in der wunderbaren Braunstichwelt von "Radio Days" ist er allemal.

Woody Allens Film wirkte am Lido wie eine Befreiung nach dem politischen Getöse und den gewaltgesättigten Filmen der ersten Tage - Richard Linklaters "Waking Life" (Im Wachzustand) dagegen führt unmittelbar und bei jeder Erinnerung von neuem in eine Art Tagtraum - als sage da jemand "Madagaskar", schon jetzt das Losungswort dieses Festivals. Gleich dreifach greift der Film in vertraute Kino-Wahrnehmung ein. In erster Linie technisch, denn "Waking Life" ist Trickfilm und Realfilm zugleich: 30 Grafiker übermalten mit Hilfe von Computern das mit realen Schauspielern gedrehte Material. Das Ergebnis sieht aus wie Manet plus Modigliani plus Loustal in dauernder Bewegung - und mit der Natur täuschend nahe kommender Mimik und entsprechend sensiblen Licht- und Farbwechseln. Ein äußerst suggestives Verfahren: Sogar die Stimmen und die Alltagsgeräusche auf der Tonspur potenzieren den Verfremdungseffekt, statt ihn abzuschwächen.

In der Wahrnehmungsfalle

Vollends aufregend und sonderbar wird der Film, wenn man - und das ist die ganze Handlung - den zahllosen teils minutenlangen Monologen verschiedener Zufallsgegenüber eines jungen Mannes lauscht, der offenbar nach einem Unfall in Trance gefallen ist. Ihre teils hochgelehrten Statements etwa zur Künstlichen Intelligenz, zur Gentechnik, zu Traumtheorien beginnen irgendwann, wie unmittelbare Kommentare zu seinem Ausnahmezustand zu tönen - und schrittweise begreifen wir die fatale Wahrnehmungsfalle, in der dieser Mann, unser stummes, passives Alter Ego, gestürzt ist. Linklaters Film sagt: Es gibt keinen Ausweg aus dem Träumen. Kein Magier schnipst irgendwann mit dem Finger, und wir rucken hoch in etwas, das wir vertrauensselig Realität nennen. Allenfalls der Tod schneidet etwas ab - aber ist nicht auch er vielleicht nur die Zäsur zwischen zwei Träumen?

"Waking Life", der innovativste Film des Festivals, gehört ins Kino. Nicht nur, weil man ihn dort genauer sehen kann als im Rahmen eines Festivals, wo er sich gegen die drei, vier Konkurrenten des Tages behaupten muss. Dechiffrieren dürfte jeder ihn beim zweiten Mal - und beim dritten wieder von seiner Magie gefangen sein.

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