Filmfestspiele in Venedig : Ende einer Höllenfahrt

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Dass sich die Gerüchte über Jury-Voten am Ende eines Filmfests bewahrheiten, ist nicht gerade selbstverständlich. Bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Venedig trafen die Voraussagen ein. Die „Faust“-Verfilmung des 60-jährigen russischen Regisseurs Alexander Sokurow gewann den Goldenen Löwen: eine von Präsident Putin protegierte Prestige-Produktion, ein exzentrisches Poem sehr frei nach Goethe, in dem Faust mit Mephisto bis ans Ende einer verrotteten Welt wandert. Der zweitwichtigste Preis ging an den Chinesen Cai Shangjun; er wird für sein pechrabenschwarzes Rache-Drama „People Mountain People Sea“ mit Silber für die beste Regie ausgezeichnet. Zwei Höllenfahrten, einmal mit großer Kunstanstrengung, einmal mit erschütternder dokumentarischer Wucht.

Auch die Darstellerpreise hat die Jury unter Leitung von Regisseur Darren Aronofsky („Black Swan“) exakt so vergeben, wie es viele Festivalbesucher erhofften. Michael Fassbender erhielt eine Coppa Volpi für seine Rolle als einsamer, sexsüchtiger New Yorker in Steve McQueens Psychostudie „Shame“; die Chinesin Deanie Ip (in Hongkong ein Star) wurde für ihren anrührenden Part als altgewordene Dienstmagd in Ann Huis „A Simple Life“ ausgezeichnet. Der Marcello-Mastroianni-Nachwuchspreis geht an Shota Sometani und Fumi Nikaido, die beiden jugendlichen Hauptdarsteller des wilden japanischen Tsunami-Dramas „Himizu“. Und, soviel Patriotismus muss sein: Dem italienischen Sozialdrama „Terraferma“ wurde der Spezialpreis der Jury zugesprochen. Ein solides Werk mit besten politischen Absichten, geht es doch um einfache Fischer, die um ihre Zukunft bangen und afrikanische Flüchtlinge verstecken. Nebenpreise für Kamera und Drehbuch gingen an die ebenfalls hoch gehandelte „Wuthering Heights“-Adaption von Andrea Arnold und an „Alpis“ aus Griechenland, eine besonders eigenwillige Variante des Themas einsame Großstädter.

Autorenkino, das auf Klassikern basiert. Starke asiatische Produktionen. Geschichten über Entfremdung und existentielle Verunsicherung. Auch wenn man sich über das Votum für den diesmal sehr kunstgewerblichen Sokurow streiten kann, hat die Jury ihren Job gut gemacht. Denn die Preisträgerfilme spiegeln die Themen des Festivals. Und obwohl kein majoritär deutscher Film im Wettbewerb lief, geht ein kleines Stück vom Löwen doch nach Deutschland. Denn Sokurows „Faust“ ist komplett in deutscher Sprache gedreht, und der 34-jährige Fassbender wuchs zwar in Irland auf, aber er hat einen deutschen Vater und kam in Heidelberg zur Welt. Christiane Peitz

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