Filmfestspiele Venedig : Bilanz: Rollt den grünen Teppich aus

Iran, Israel, Libanon – die 66. Filmfestspiele von Venedig entfalten ihre Stärke im Politischen.

Christina Tilmann

Magische Momente: Der Luftballon, der während der Vorführung des Wettbewerbsbeitrags „Between two worlds“ durch den Saal schwebt, vor der Leinwand auf und ab tanzt, ein surreales Zauberbild, das sich perfekt mit diesem visionär bildmächtigen Film aus Sri Lanka verbindet. Die beiden Großmütter in Brillante Mendozas „Lola“, die eigentlich verfeindet sind und sich über Renten, Rheuma und den Beschwernissen des Lebens sofort verstehen. Der schwer erkältete Fatih Akin, der ein Loblied auf die Soul-Musik singt – sein Hamburger Wohlfühlfilm „Soul Kitchen“, einer der großen Publikumslieblinge, wurde am Ende mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet (vgl. Tsp. vom 11. 9.). Und die iranische Videokünstlerin Shirin Neshat mit ihren vier bildschönen Hauptdarstellerinnen auf dem Roten Teppich, alle in Grün, der Farbe der iranischen Freiheitsbewegung.

Grün war das nach den Auftritten von Michael Moore, Oliver Stone und Hugo Chávez schon als „rot“, sprich politisch links diffamierte Festival in den letzten Tagen unbedingt: Dem Iran, den iranischen Frauen gehörte die ganze Aufmerksamkeit, mit Standing Ovations: und mit einem Silbernen Löwen für die beste Regie.

Shirin Neshat, die für ihren ersten, in Marokko gedrehten Spielfilm „Women without men“ ausgezeichnet wurde, verknüpft auf der Grundlage eines Romans von Shahrnush Parsipur vier Frauenschicksale vor dem Unruhen des Staatsstreichs von 1953 – und widmet ihren Film den Iranern, die im Kampf für Freiheit und Demokratie gestorben sind. Und macht klar: Was heute passiert, hat Wurzeln in den Protesten gegen die Machtübernahme des Schahs, der 1953 den demokratisch gewählten Premier Mohammed Mossadegh stürzte. Bei Neshat sind es Frauen, selbstbewusst, schön, mutig, die an der Spitze der Protest-Bewegung standen. Munis (Shabnam Tolouei), die mutigste unter ihnen, zahlt am Ende mit ihrem Leben – das habe sie an die während der Demonstrationen gegen Ahmadinedschads Wahlfälschung getötete 16-jährige Studentin Nada erinnert, erzählt Neshat. Und bittet bei der Preisverleihung Gott, den Menschen im Iran endlich das zu geben, was sie sich wünschen: Freiheit und Demokratie.

Und noch einmal sieht man Nada, jene schrecklichen Todessekunden, in „Green Days“ von Hana Makhmalbaf, der außer Konkurrenz lief. Makhmalbaf hat in den Wochen vor der Wahl heimlich auf der Straße gefilmt, hat die Menschen interviewt, die für Mossawi kämpfen. So viel Hoffnung, so viel lebendige Demokratie - und dann dagegengeschnitten die anonymen Handy-Aufnahmen der Proteste aus den Tagen nach der Wahl, als Ahmadinedschad mit einem Staatsstreich die Macht an sich zog. Prügelnde Polizisten, Schüsse, Verletzte, Tote, und schier unüberschaubare Menschenmassen, die protestieren, für ihr Recht, und für ihre Stimme. Die fiktive Rahmenhandlung einer depressiven Studentin, die an ihrem Land verzweifelt, mag etwas larmoyant erscheinen, doch der Überfluss an Wirklichkeit macht Makhmalbafs Beitrag zu einem Höhepunkt des Festivals. Über Jahrzehnte seien die Frauen im Iran unterdrückt worden, erklärt Hana Makhmalbaf, auch sie in Freiheitsgrün: In Venedig haben sie ihren großen Auftritt.

So hat sich Venedig, von der Amerikakritik der ersten Tage über Michele Placidos filmisch schwache Reminiszenz an die Studentenunruhen von 68 bis zu den beiden Iran-Filmen als leidenschaftlich politisches Festival bewiesen. Am meisten jedoch mit Samuel Maoz’ Kriegsfilm „Lebanon“, der auf eigenen Erfahrungen im ersten Libanonkrieg beruht und den Goldenen Löwen für den besten Film bekam. Vier israelische Soldaten, bei ihrem ersten Einsatz, landen mit ihrem Panzer in einem von der Luftwaffe zerstörten libanesischen Dorf, eine Falle, eine Sackgasse, ein perfektes Ziel für Heckenschützen. Der Film ist, 90 Minuten lang, ausschließlich im Inneren des Panzers gefilmt, klaustrophobische Enge, Hitze, Schmutz und Schweiß, Panik und Überforderung, und der einzige Blick nach draußen geht durch das Zielfernrohr, das die Lage nicht mehr überblickt.

Sinnlosigkeit, Brutalität, eine verantwortungslose Heeresführung, die ihre Schützen in eine unüberschaubare Situation jagt und dort allein lässt – und ein berührender Moment der Menschlichkeit zum Schluss, als einer der Soldaten einem Gefangenen beim Pinkeln hilft, eine simple humane Tat, und eine unvergessliche Szene. Er habe jahrelang an seinem Stoff gearbeitet, bis die eigene Erinnerung nicht mehr ganz so schmerzte, erzählt Maoz, der, wie sein Kollege Ari Folman mit „Waltz with Bashir“, einen Film gedreht hat, der von der Verwundung, Traumatisierung des eigenen Landes erzählt: ein verzweifeltes Plädoyer gegen einen Krieg, bei dem es nur Verlierer gibt. Maoz widmet seinen Film all jenen, die aus Kriegen zurückkommen und die traumatischen Erinnerungen nicht mehr aus ihren Seelen löschen können, und endet mit der utopischen Hoffnung: Kein Töten mehr, und kein Krieg. Und ein Film, damit er sich selbst vergeben kann, für das, was er als Soldat getan hat.

Klare Botschaften und existenzielle Anliegen, die den eher schwachen europäischen Auftritt vergessen machen. Die müden Filme der französischen Altmeister Patrice Chéreau und Jacques Rivette, Werner Herzogs Doppelschlag – zwei Filme eines Regisseurs im Wettbewerb, das gab es noch nie, und dann kein Preis, das ist fast eine Beleidigung – und ein erneut enttäuschendes italienisches Kino, das mit Trostpreisen für Ksenia Rappoport als beste Darstellerin in dem Psychothriller „La doppia ora“ und Jasmine Trinca als beste Nachwuchsdarstellerin in Michele Placidos „Il grande sogno“ vorlieb nehmen musste.

Doch gab es auch Höhepunkte jenseits von Politik und Krieg. Der Modedesigner Tom Ford lässt in seinem Filmdebüt „A Single Man“ nach einem Roman von Christopher Isherwood einen beeindruckenden Colin Firth als schwulen Universitätsprofessor durch eine Hölle aus Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung gehen: Die Coppa Volpi für den besten Hauptdarsteller war unbedingt verdient, und Firth, der mit einer Italienerin verheiratet ist, dankte in fließendem Italienisch glaubhaft für den schönsten Preis seines Lebens. Todd Solondz'' böse Amerikakomödie „Life During Wartime“ erhielt den Preis für das beste Drehbuch. Jessica Hausner, die mit „Lourdes“ der Wundermaschinerie am Wallfahrtsort einen skeptischen, aber nie diffamierenden Spiegel vorhält, wurde, obwohl sie für viele eine Favoritin gewesen war, nur mit diversen Nebenpreisen geehrt. Und der Philippiner Brillante Mendoza, der mit „Kinatay“ in diesem Jahr in Cannes den Regie-Preis gewann, ging mit dem vergleichsweise unspektakulären „Lola“ zum Schluss leider leer aus, und hat doch einen der schlüssigsten Filme vorgelegt.

Zwei Großmütter, schicksalhaft verknüpft durch eine Gewalttat: Der Enkel der einen ist vom Enkel der anderen getötet worden. In einem von Dauerregen heimgesuchten Manila suchen sie verzweifelt nach der Finanzierung für Beerdigung und Prozess. Straßenrealismus im erschreckend ärmlichen Barackenquartier am Fluss, und zwei großartige, über achtzigjährige Hauptdarstellerinnen. Allein die Szene, in der Großmutter Sepa (Anita Linda) in Wind und Wetter lange Minuten versucht, eine Kerze am Todesort ihres Enkels zu entzünden, ist großartiges Kino und ein unvergesslich Moment, wie man ihm im Star- und Glamourtrubel am Lido so nicht erwartet hatte und umso dankbarer mit nach Hause nimmt.

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