Filmfestspiele Venedig : Väter, Töchter und ein Goldfisch

65. Filmfestspiele Venedig: Die deutschen Beiträge enttäuschen, der neue Trickfilm des "Das wandelnde Schloss"-Machers Hayao Miyaziaus Japan sorgt für Begeisterung. Die anderen suhlen sich schwermütig im Lieblingsthema des diesjährigen Festivals: misshandelte und geschändete Frauen.

Christina Tilmann

„Eines der großen Rätsel des Lebens ist, warum die Menschen so viel Angst haben. Der Tod kommt ohnehin, fragt sich nur wann“, räsoniert eine Stimme aus dem Off, während die Kamera zu Beethoven-Klängen Tizians Spätwerk „Die Schändung des Marsyas“ abfährt. Tod, Blut und Musik gibt es zuhauf in Werner Schroeters „Nuit de chien“, dem zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag auf den 65. Filmfestspielen in Venedig, nach einem Roman von Juan Carlos Onetti. Eine lange Reise ans Ende der Nacht, eine Liebe in den Zeiten der Cholera und ganz nebenbei ein weiteres Beispiel für das in diesem Jahr so beliebte Festivalthema ,misshandelte und geschändete Frauen’:

Auch bei Schroeter sind sie entweder Huren oder Heilige und am Ende alle tot. Der melancholische Pascal Greggory hingegen spielt den Arzt und Widerstandskämpfer Ossorio, der zigarillorauchend durch die Nacht streunt, auf der Suche nach der Frau, die er liebt. Doch in der Stadt, in die er zurückgekehrt ist, – gedreht wurde in Porto, mit überwiegend französischem Cast – wütet die Cholera, und die Macht übernommen haben Geheimpolizei und Militär, während der Diktator schon vor den Toren steht. Eine finstere Machtphantasie, diese Rückkehr des Werner Schroeter nach seinem letzten Erfolg mit „Malina“ 1991 – und ein absurd aufwändiger Film, der der Oper mehr schuldet als Vorbildern wie „Der dritte Mann“ – und der bei allem Aufwand eigenartig leerläuft. Schon bei der Pressevorführung gab es Buhs.

Nein, dieser Film wird wohl keinen Erfolg haben, ebenso wenig wie ein weiterer, der mit deutscher Beteiligung entstanden ist. „Teza“ von Haile Gerima zeigt alle Katastrophen, die Äthiopien, das Heimatland des Regisseurs, in den letzten Jahrzehnten heimgesucht haben, vom Italienkrieg bis zum marxistischen Regime des Haile Mariam Mengistu. Nebenbei werden die Kinder des Dorfs fürs Militär rekrutiert, die Frauen vergewaltigt, und die Hauptfigur Anberber (Aaron Arefe), der in Deutschland studiert hat, wird Opfer eines rassistischen Übergriffs. Jedes Thema wäre einen Film wert gewesen, aus einer Region, aus der sonst kein leidenschaftliches, bildmächtiges Kino wie dieses kommt – doch alles Elend der Welt ist einfach zu viel.

Kein Wunder also, dass der Festivalliebling bislang ein Film ist, der Humor und Bildfantasie virtuos verbindet: Hayao Miyazaki, der schon 2004 mit „Das wandelnde Schloss“ auf dem Lido zu Gast war, ist mit „Ponyo on the Cliff by the Sea“ zurück – und bislang der einzige Löwenkandidat. Die Frage, ob der liebevoll animierte Film eigentlich ein Kinderfilm ist oder Themen wie Umweltzerstörung und Überalterung der Gesellschaft nur raffiniert durch die vermeintlich kindliche Brille sieht, entzweit das Publikum. Zumal es um eine Katastrophe geht.

„Ein Tsunami, ein Tsunami“, kreischt eine Bewohnerin des Altersheims, als ihr ein Goldfisch eine Wasserfontäne ins Gesicht spuckt. Doch bald schon steigen die Wellen tatsächlich, und überschwemmen das japanische Küstenstädtchen samt Altersheim. Man muss schon ein Meister sein wie Miyazaki, um eine Naturkatastrophe, das Märchen von der kleinen Meerjungfrau und Elemente aus „Findet Nemo“ zusammenzubinden. Der Goldfisch Ponyo jedenfalls, der aus Freundschaft zum fünfjährigen Sosuke beschließt, ein Mensch zu werden, hat das Publikum bezaubert: ein rothaariger Pumuckl, der die Menschenwelt erforscht.

Mehr Leichtigkeit hätte man auch anderen Wettbewerbsfilmen gewünscht, die sich mit dem Thema Eltern und Kinder befassen. Pupi Avatis „Der Vater von Giovanna“ spielt 1938 in Bologna und erzählt die Geschichte eines Kunstlehrers (Silvio Orlando), der besessen davon ist, seiner Tochter endlich einen Freund zu verschaffen. Als das Mädchen aus Eifersucht eine Freundin ermordet, wird dem Vater klar, dass die Ursache für die Tat vielleicht im Zustand seiner eigenen Ehe liegen könnte. Aufkommender Faschismus und Psychiatriereform werden gestreift, und doch bleibt die Geschichte schwerfällig.

Viel genauer beim gleichen Thema ist Claire Denis mit „35 shots of rhum“. Wieder eine Vater-Tochter-Beziehung, allerdings unter Pariser Einwanderern. Der schweigsame Lionel (Alex Descas) arbeitet als Zugführer und lebt mit seiner Tochter Josephine (Mati Diop) eine ideale Beziehung, die nur dadurch gestört wird, dass sich auch andere Verehrer für das Mädchen einfinden. Ein Drama, fast ohne Worte – man kocht und isst, die Studenten streiken, ein Freund verliert seine Katze (wann hat man zuletzt beim Tod eines Katers im Kino geheult?), Ingrid Caven hat einen eigenwilligen Kurzauftritt als deutsche Großmutter, und das Happy End im Hochzeitskleid trägt bittere Untertöne. Warum, fragt man sich angesichts des durchwachsenen Wettbewerbs, läuft dieser Film nur außer Konkurrenz?

Die Stars in diesem Jahr sind ohnehin die Senioren. Etwa die vier über achtzigjährige Ladies, die sich in Gianni di Gregorios zauberhaftem „Pranzo di Ferragosto“ zu einer alters-WG zusammentun und vom Publikum mit Ovationen gefeiert wurden. Oder Lauren Bacall, die in „Eve“, dem 20-minütigen Filmdebüt von Natalie Portman, so schön wie eh und je ist – und so schlagfertig wie immer. „Er ist doch ganz nett“, sagt die Enkelin im Film über die neue Bekanntschaft der Großmutter. „Na, wenigstens ist er nicht tot“, ist die Antwort. Auch der 99-jährige Manoel de Oliveira und der 93-jährige Mario Monicelli liefern sich bestens gelaunt einen Wettbewerb, wer wohl fitter sei. Und Monicelli hat mit „Vicino al colosseo c’è monti“ eine hinreißende Kurz-Dokumentation über den römischen Stadtteil Monti gedreht. Dort, im Schatten des Kolosseums probt das Polizeiorchester für den großen Auftritt, die Nonnen schmücken sich für die Osterparade, und der Fleischer entpuppt sich als Sammler historischer Cartoons.

Kleine Pointe am Rande: Das hier so beschaulich geschilderte Rom taucht in Venedig sonst als bedrohliche Konkurrenz auf. Das römische Filmfest, das der damalige Bürgermeister Walter Veltroni vor drei Jahren ins Leben gerufen hat und das mit viel Geld Venedig die Stars abzuwerben drohte, stand unter der neuen Stadtregierung des Rechtspopulisten Gianni Alemanno schon wieder zur Disposition. Nun ist es auf Ende Oktober verschoben und wird von dem langjährigen Venedig-Leiter Gian Luigi Rondi geführt, der eine publikumswirksame Überarbeitung des Wettbewerbs – unter anderem mit Uli Edels „Baader-Meinhof-Komplex“ – und natürlich eine friedliche Koexistenz mit Venedig versprochen hat. Wie sagt Rondi über sich selbst: „Man nennt mich den Andreotti des italienischen Kinos? Ein Kompliment, auf das ich stolz bin.“

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