Kultur : Filmfestspiele: Western oder Westen

Sie haben sich öffentlich im aktuellen Mazedo

Mit Milcho Manchevskis Film "Dust" eröffnete das diesjährige Filmfestival von Venedig (siehe Tsp. vom 30.8). Anders als Manchevskis Mazedonien-Film "Vor dem Regen", der 1994 den Goldenen Löwen gewann, stieß sein neues Werk, eine Art Balkan-Western, auf überwiegend kritische Resonanz. Im Vorfeld der Filmfestspiele hatte sich der mazedonische, in New York lebende Regisseur mehrfach zum aktuellen Mazedonienkonflikt geäußert und dabei seinerseits nicht mit Kritik an der NATO gespart.

Sie haben sich öffentlich im aktuellen Mazedonienkonflikt engagiert. Wie würden Sie Ihre Haltung charakterisieren?

Zuallererst: Die Herrschaft des Rechts ist wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Menschen sollten als Bürger betrachtet werden, nicht als Volkszugehörige. Die internationale Gemeinschaft hat viel Druck auf die mazedonische Regierung ausgeübt. Es wäre hilfreich, wenn sie ähnlichen Druck auf alle ausüben würde, die dort mit Maschinengewehren herumlaufen.

Das richtet sich gegen die albanische UCK...

Es richtet sich gegen alle, die in der Gegend herumballern und Polizisten umbringen. Es gibt keinen Grund, dem Balkan einen Sonderstatus zu geben. Wie gehen Sie in Deutschland oder Schweden oder Italien mit Menschen um, die Polizisten töten? Allerdings bin ich ein Geschichtenerzähler, kein Politiker.

Wie reagiert man als Künstler auf derartige Ereignisse? Lässt sich der Mazedonienkonflikt überhaupt erzählen? Offenbar halten Sie den Western für eine adäquate Form.

Vielleicht ist meine Poesie etwas lauter geworden. Das Mazedonien meines Films "Dust" ist der Ort eines großen mythischen Moments, als das Land im Kampf gegen das osmanische Reich zu sich selbst fand. Das verbindet diese Zeit mit dem Western. Der Western ist wahrscheinlich das vorerst letzte große Mythenreservoir der Gegenwart. Das Komische ist: Die historische Realität war wahrscheinlich weniger interessant und aufregend als das, was wir darüber zu wissen glauben. Wahrscheinlich sind 99 Prozent davon reiner Mythos - aber offenkundig haben wir alle ein Bedürfnis nach diesem Mythos. Ich selbst bin mit Western-Filmen und Western-Comics aufgewachsen. Und ich schätze Sam Peckinpah sehr. Aber wenn ich mein Werk analysieren müsste - was keine gute Idee ist, das ist eher die Aufgabe der Kritik - dann würde ich sagen, dass mehr Kieslowski und mehr Scorsese in "Dust" steckt als Sergio Leone.

Wie würden Sie Ihre Erzählweise charakterisieren?

Mein Konzept war es, den Zuschauer nicht zum Komplizen der Handlung zu machen, ihn immer wieder aus seiner Zufriedenheit herauszustoßen. Er sollte sich unbehaglich fühlen. Insofern versuche ich, die Aufmerksamkeit auf die Ursprünge des Erzählens zurückzulenken. Erzählen ist mein Beruf und meine Berufung. Ich bekomme gerne Geschichten erzählt, bin süchtig nach Zeitungen und Magazinen. Im Film gibt es zwei Erzähler. Dies ist auch eine Reflexion dessen, wie Geschichte funktioniert. Der Sieger erzählt die Geschichte. Er verändert sie im Hinblick auf seine Perspektive. Das ähnelt dem, was wir tagtäglich tun: Wir lügen, wir verändern dauernd unserer eigenes Leben, wir erfinden fortwährend neue Vergangenheiten, neue Gegenwarten und uns selbst. Das gilt erst recht für die Politik.

Im Film heißt es: "Geschichten gehören allen, solange sie erzählt werden." Ist dies ein Plädoyer für erzählerische Willkür, auch im Hinblick auf die Ereignisse der politischen Gegenwart?

Jeder legt sich die Geschichte zurecht. Ich möchte nicht moralisch urteilen, ob das richtig oder falsch ist. Ich habe allerdings zuviel Respekt vor der Wahrheit, als dass ich denke, es sei in Ordnung, wenn man die Geschichte einfach uminterpretiert, bloß weil man der Sieger ist. Geschichte ist nicht nur eine Ansammlung von Anekdoten aus der Vergangenheit - sie beeinflusst aktuelle Entscheidungen und damit viele Menschen. Man könnte über die Fehlwahrnehmung des Balkans sprechen. Dieser wird von der westlichen Welt durch allerlei Filter wahrgenommen: Da sind journalistische Berichte, Vorurteile, die Geschichte vom Hass und von den ethnischen Konflikten. All das stimmt, aber wenn man genauer hinsieht, dann begreift man, dass der Balkankonflikt mehr mit klassischer Machtpolitik und Kalkül zu tun hat als mit irgendeiner Vorprägung durch Ethnien, Historie oder Psychologie. Hier wird also falsch und ungenau erzählt. Und die Art wie das geschieht, verändert wiederum das Bild der realen Ereignisse.

Kann Ihr Film, können Filme ein anderes, genaueres Bild zeigen?

Mein Film ist Fiktion, nicht CNN. Obwohl auch CNN eine Art Fiktion ist. Ich will nicht sagen: So war es, sondern: Misstraut den Geschichten. Was John Wayne sagt, hat mit John Ford zu tun, nicht mit dem wirklichen Westen. Und die Wirklichkeit war ganz anders, als wir es in den Geschichtsbüchern lesen. Für die Wahrheit gibt es gewiss bessere Quellen als meinen Film. Und das sage ich auch.

Dennoch wird "Dust" auch als politisches Statement aufgefasst werden. Wie politisch ist ihr Film?

"Dust" wurde vor den aktuellen Ereignissen gedreht. Der Film kann also gar kein direkter Kommentar sein. Jeder gute Film ist auch politisch, aber nie nur politisch. Es geht mir um Archetypen, nicht um Stereotypen. Denn ich zeige Individuen und versuche, Gefühle ins Zentrum zu stellen. Damit müssten sich Klischees eigentlich vermeiden lassen. Aber die Wahrheit liegt immer im Auge des Betrachters.

0 Kommentare

Neuester Kommentar