Filmfotografie : Das Spiel der Schatten

Die Galerie Argus ehrt den fast vergessenen Berliner Stummfilm- und Starporträt-Fotografen Karl Ewald.

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Früher Grusel. 1919 drehte Richard Oswald „Unheimliche Geschichten“. Der Fototgraf Karl Ewald begleitete den Regisseur am Filmset.
Früher Grusel. 1919 drehte Richard Oswald „Unheimliche Geschichten“. Der Fototgraf Karl Ewald begleitete den Regisseur am Filmset.Foto: Argus Galerie

Lange lagerte der Nachlass von Karl Ewald in den Mappen der Erben. Nun, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, sind die vielleicht schönsten Exponate daraus erstmals in der Galerie Argus zu sehen: knapp fünfzig Filmstills und Starporträts. Die ältesten stammen noch aus der Stummfilmzeit, von Friedrich Wilhelm Murnaus großartiger Molière-Adaption „Tartüffe“. Die anderen entstanden Anfang der dreißiger Jahre, als der Tonfilm die Besucherzahlen der Kinos erneut in die Höhe schnellen ließ. Marlene Dietrich, Fritz Kortner, Emil Jannings, Adele Sandrock, Werner Krauss, der beliebte Tenor Joseph Schmitz („Ein Lied geht um die Welt“), der bald darauf in die Schweiz emigrieren musste, wo er 1942 völlig verarmt starb – sie alle und viele mehr standen damals, am Set und im Atelier, vor Ewalds Kamera.

Grete Mosheims zarter Bubikopf erinnert an ihren längst vergessenen Film „Arm wie eine Kirchenmaus“, Heinz Rühmann, Lil Dagover, Hans Albers dürfen nicht fehlen, doch gleich ein Dutzend Mal fasziniert das dämonische Gesicht von Paul Wegener in einer Serie von Standbildern zu Richard Oswalds Erfolgsfilm „Unheimliche Geschichten“ von 1932. In einer dieser Aufnahmen leuchten Wegeners Augen bedrohlich aus der Dunkelheit, in einer anderen sieht man von einem Darsteller nur dessen Schatten auf der rohen Ziegelwand eines Kellers: effektvolle Bilder, die das Publikum von den Schaukästen, für die sie bestimmt waren, in den Kinosaal locken sollten.

Nachträgliche Retusche vermeiden

Licht und Schatten, das waren die in der expressionistischen Ära dominanten Stilmittel des Schwarz-Weiß-Films, in denen sich die Wesensverwandtschaft mit der Fotografie am deutlichsten zeigte. Dabei reproduzierten die Stills, darin lag ihre Aufgabe, nur das optische Konzept der Regie. Doch da den besten Moment zu erwischen, darin musste sich das Talent des angestellten Fotografen erweisen.

Karl Ewald besaß es in hohem Maß. 1904 in Berlin geboren, betrieb er bis Anfang der Vierziger in Neukölln ein offenbar gut gehendes Atelier. Hier saßen ihm die großen und kleinen Stars der Ufa und anderer Filmgesellschaften Modell. Wichtig war die günstige Ausleuchtung des Gesichts, um jede nachträgliche Retusche möglichst zu erübrigen. Noch ein kleiner Schatten von links, ein Leuchten der Stirn, eine Verbesserung der Kopfhaltung, der Dargestellte wie die Käufer sollten zufrieden sein.

Starfotos gingen in jener Zeit von Hand zu Hand. Die im Nachlass aufgefundenen Vintages müssen ohne prominente Beglaubigungen auskommen, aber auch so dürften sie das Begehren der gar nicht so wenigen Sammler auf diesem Seitenzweig der Fotografie wecken. (Preis: 200–600 Euro). Karl Ewald begann 1949 in München wieder von vorn, arbeitete für die Bavaria und betrieb bis 1964 ein eigenes Fotostudio.

Galerie Argus Fotokunst, Marienstr. 26; bis 30. 10., Mi–Sa 14–18 Uhr

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